Der alte Hund und die Königin

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Der alte Hund und die Königin
Das Rad und Gold: Die Symbole für die Weisheit und den Weg zu ihr.

Champ #2/3 . . .

Wenn wir etwas tun, ist das Warum wichtiger als das Was.

Champ

Champ war der unangefochtene Chef seines Rudels. Nachdem sein letzter Herausforderer eine tiefe Bisswunde an einem Hinterbein erlitten hatte, war dieser nur noch ein Schatten seiner selbst.

Der Tag der Entscheidung hatte sich schon lange angekündigt. Eine ständige Spannung hatte in der Luft gelegen. Champ war nicht mehr der Jüngste, aber immer noch allseits respektiert. Niemand wagte es, sich mit ihm anzulegen - eigentlich. Ein tiefes Knurren von ihm klang wie ein heraufziehendes Gewitter. Das hatte bisher genügt, denn es war die letzte Warnung. Der jüngere Hund strotzte vor Kraft und Selbstbewusstsein. Er war inzwischen der Kräftigste im Rudel und hatte trotzdem viele Zurechtweisungen seines Anführers hinnehmen müssen. Während er selbst immer stärker wurde, hatte er bemerkt, dass Champ langsam, aber sicher seine ehemals brutale Kraft verlor. Die Kräfteverhältnisse hatten sich verschoben.

Als der Herausforderer sich einer Hündin näherte, die neben Champ schlief, war deutlich zu sehen, worum es ihm ging. Mit jedem Schritt, den der junge Hund näher kam, wurde das Knurren seines Anführers lauter und kehliger. Als selbst das tiefe Knurren nicht mehr ausreichte, sprang Champ auf die Füße. Das Fell auf seinem Rücken war gesträubt und die Zähne gebleckt. Die letzte Chance für den Rückzug des Herausforderers war dahin. Der junge Hund bekam seine Lektion innerhalb einer Minute. Schweiß, Speichel und Blut spritzten, während das Rudel aus gebührendem Abstand zusah. Erfahrung siegte fast mühelos über Kraft. Dann wollte der Herausforderer davonlaufen, aber das wäre keine endgültige Entscheidung gewesen. Champ setzte nach und biss mit aller Kraft in ein Hinterbein. Damit war die Flucht vorbei, und der Unterlegene rollte sich wimmernd auf den Rücken. Er bot seinen verletzlichen Hals und den Bauch an, um zu kapitulieren. Champ ließ das Bein los und stand laut drohend über ihm. Dann drehte er sich um und ging keuchend davon. Natürlich ließ er ihn am Leben, denn darum ging es nicht.

Außenstehende hätten nur zwei Hunde gesehen, die offenbar verrückt geworden waren, weil sie bis aufs Blut kämpften. Sie hätten wohl nicht verstanden, worum es wirklich ging. Es ging um das Überleben des Rudels. Für jedes Rudel ist es wichtig, dass der beste Kämpfer der Anführer ist.

Wenn es um diese Macht geht, kämpfen die zwei Hunde unerbittlich. Denn auch wenn zwei Rudel kämpfen, sind die Anführer in der ersten Reihe und nicht beim Golfspielen.

Hunde kämpfen immer selbst. Sie schicken keine Soldaten, die für sie sterben sollen.

Auch Champ hatte Wunden davongetragen. Es war schlimmer als sonst, aber er kannte das schon. Die Verletzungen würden heilen, und er würde wieder zu Kräften kommen. Eine Woche später hatte er sich erholt. Nur der Schorf auf den Wunden war noch zu erkennen. Sein Herausforderer würde nie mehr normal gehen können, denn Champs Biss hatte einen Nerven zerstört. Er war vom kraftstrotzenden Rivalen zum Symbol geworden. Wer sich mit dem Chef anlegt, würde so enden.

Mit zunehmendem Alter genoss Champ immer mehr seine ausgedehnten Spaziergänge. Manchmal waren andere dabei, aber wenn er sich weit vom Gebiet des Rudels entfernte, streifte er alleine durch das Unterholz. Er war zu alt und hatte zu viel erlebt, um Angst zu haben. Als junger Hund war er hier ausgesetzt worden und hatte sein perfektes Zuhause gefunden. Mehr als das: Der Tempel und das religiöse Leben, all diese täglichen Eindrücke, waren zu einem Teil seiner Persönlichkeit geworden. Ebenso wurde alles, was er im Dschungel aufnahm, zu Champ. Das Essen und Trinken ebenso wie der Sonnenschein und die Luft, die er atmete. Ohne all dies gäbe es ihn nicht.

Champ war weise geworden.

So ging unser Freund seiner Wege und war glücklich. Heute würde er eine langjährige Freundin treffen. Er wollte ihr eine Bitte unterbreiten. Die wichtigste Bitte seines Lebens. Die Freundin war einst eine junge Königin im Norden des Landes gewesen. Jede Königskobra war eine Königin, und dieser Königin gehörte sein Herz.

Die Königin

Die inzwischen riesige Königskobra hatte in ihrer Jugend im Umland der Hauptstadt Bangkok gelebt. Dann wurde sie von Jägern verschleppt. In ihrer Heimat gab es eigentlich keine Menschen, denn Menschen fürchten Schlangen. In ihrer Heimat gab es viele verschiedene Schlangen, und diese Schlangen fürchteten die Königin, denn sie ernährte sich von ihnen.

Ihre Entführer hatten die junge Kobra damals an einen Mann verkauft, der sie einsperrte und seinen Freunden zur Schau stellte. Sie schimmerte golden unter den Lampen, die der Mann über ihrem gläsernen Gefängnis angebracht hatte, um mit ihr zu protzen. Die Kobra war ein schönes und mächtiges Tier. Er hielt sich für ihren Besitzer, bis sie nach wenigen Jahren fünf Meter lang war und mit schierer Muskelkraft die gläsernen Wände zerbrach. Der Mann versuchte zu fliehen, aber sie drängte ihn in eine Ecke des Raums. Er brach jämmerlich zusammen, als das gewaltige Tier langsam auf ihn zuglitt. Als sie sich vor ihm aufrichtete, traute er sich nicht, zu ihr hinaufzusehen. Er konnte nur ihren Körper sehen, der so dick wie sein Oberarm war und durch den ganzen Raum bis zu ihm reichte. Dann schloss er die Augen und krümmte sich zitternd auf dem Boden. Die Königin glitt aus dem Zimmer und verschwand in der Abenddämmerung. Rache ist Tieren fremd.

Nach Tagen der Suche fand die Königin einen See, der Felder von einem Dschungel trennte. Dort gab es Ruhe und genug Beute. Das genügte. Eine Königskobra sucht nicht nach Sicherheit, denn sie kennt keine Gefahren. Sie ist die Gefahr. Ein neues Zuhause. Erst später bemerkte sie eine kleine Straße, die durch den dichten Wald führte. Sie war der Weg zum Tempel.

Die Fabel von Champ und seiner Königin

In einem wohlbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit, lebte eine Königskobra fern von ihrer Heimat in einem Dschungel, der ihr neues Zuhause geworden war. Eines Tages lag sie dösend im Gras, als sie hörte, dass sich jemand näherte. Trotz ihrer tödlichen Macht sind Kobras scheu, darum wollte sie den ungebetenen Besucher reglos passieren lassen. Dann sah sie ihn. Ein großer, klobiger Hund trottete gelassen seines Weges. Erstaunlicherweise wirkte er weder nervös noch auf der Suche nach Nahrung, noch wirkte er ängstlich ohne sein Rudel. Er schien verträumt den Tag zu genießen. Als der Hund neben der Kobra ankam, erkannte diese, dass er sehr kräftig aber schon recht alt war. Er blieb er stehen.

„Was macht eine Königin aus fernen Landen in meinem Reich?“, fragte er, ohne den Kopf zu wenden.

Die schüchterne Kobra wollte nicht feige fliehen, immerhin war sie eine Königin. Also richtete sie sich auf und spreizte ihre Nackenhaube. Da stand sie nun, imposant über dem Hund, und starrte auf ihn hinab. Sie machte das für sie typische knurrende Geräusch, um ihm zu drohen. Der Hund sah sie nun an und sagte: „Keine Angst. Warum sollte ich versuchen, Dir etwas zu tun? Du könntest mich mit Leichtigkeit töten.“

Die Kobra schluckte überrascht.

Dann lächelte er. „Ich kenne Dich. Wenn Du nicht bedroht wirst, bist Du scheu aber friedlich.“ Er wandte sich ab und ging weiter. „Und fressen wirst Du mich auch nicht, denn Du frisst nur Schlangen.“ Der Hund war schon fast verschwunden, da hörte sie noch: „Und ich bin viel zu dick für Deinen schönen, schlanken Hals.“

Sie starrte ihm nach. Eben noch wollte die Kobra nicht sprechen. Nun war sie sprachlos. Ein Gefühl sagte ihr, dass gerade eine wunderbar traurig-schöne Geschichte begann. Nur ein Gefühl, denn alte Königskobras können sehr weise sein. Aber sie war noch zu jung für Weisheit.

„Dieser, dieser … wundersame Hund!“, dachte sie nur.

Ein paar Tage später sahen sie sich wieder. Die Kobra hörte ihn kommen und richtete sich diesmal nur so hoch auf, wie es nötig war, um ihm in die Augen zu sehen. Der Hund blieb stehen und sagte: „Ich heiße Champ. Zumindest nennt mich ein Mensch, der mich manchmal füttert, so.“

Nach einer kleinen Pause sagte die Kobra unsicher: „Ich habe keinen Namen.“

Champ setzte sich und murmelte: „Wenn wir Freunde sein wollen, brauchst Du einen Namen.“ Er überlegte kurz und dann lächelte er. „Dein Name soll Supansa sein. Das bedeutet die goldene Schönheit, und Du bist etwas Goldenes und sehr Schönes.“

Die Königin war also gerade mitten im Wald von einem Hund getauft worden. Sie schwieg. Sie schwieg lange und starrte ihn an. Sie starrte weiter und weiter, denn Schlangen können nur starren.

Dann sagte sie: „Sssupansssa, dasss gefällt mir.“

Die zwei wurden Freunde, denn sie hatten vieles gemeinsam. Und beide hatten das Gefühl, als ob es genau so gut und richtig wäre.

Nach einigen Monaten suchte Champ seine Freundin vergeblich an den sonst üblichen Orten. Er witterte Unheil. Nervös machte er sich, die Nase dicht über dem Boden, auf die Suche. Als er Supansa schließlich fand, lag sie hilflos im hohen Elefantengras am Rand des Sees.

Sie war fast bewusstlos, und er roch das Gift einer Speikobra an ihrem Kopf. Dieses Gift kann töten oder zumindest blind machen. Offenbar hatte Supansa die Schlange angegriffen, weil sie hungrig war, und diese hatte sich verteidigt. Champ zog vorsichtig den Kopf seiner Freundin in den See, um das Gift abzuwaschen. Ob er das tödliche Sekret hierbei in sein Maul bekam, war ihm egal.

Er reinigte sanft die Augen seiner Freundin und redete ihr gut zu, bis sie ihn bat, sie alleine zu lassen. Supansa hatte Schmerzen und wollte schlafen.

Am nächsten Tag ging es ihr besser. Die Königin hatte keine Schmerzen mehr, aber ein Auge war erblindet. Das andere Auge würde genügen, um weiterhin jagen und somit überleben zu können.

„Ssso issst dasss, mein Freund. Ich musss andere Schlangen fresssen, um zu leben, und die Speikobra musss sssich verteidigen, um zu überleben.“

„Tiere töten nicht, weil sssie hasssen. Tiere können nur lieben. Dasss issst unsere Natur.“

Das mit der Schuld ist manchmal nicht so einfach, wie es scheint.

Sie lächelte. „Auch wenn Du ausss Versssehen auf mich trittssst, würde ich Dich automatisch beisssen, und Du wärssst im Handumdrehen tot. Auch dasss issst meine Natur.“

Nun lächelte auch Champ und sagte: „Danke, es ist gut, das zu wissen, meine Freundin.“

So hatte ihre Liebe begonnen, damals.

Das war alles schon Jahre her, und Champ war heute mit einer Bitte unterwegs zu seiner Freundin. Der Kampf mit seinem Rivalen hatte ihm gezeigt, dass er inzwischen alt und verletzlich war. Und es würde schlimmer werden. Wer weiß, ob er nicht in ein paar Jahren die Versicherung brauchen würde, die er heute abschließen wollte?

Seine Freundin war bestürzt über seinen Wunsch, aber sie liebte ihn zu sehr, um ihm seine Bitte abzuschlagen. Sie würde ihr Leben für ihn geben oder ihr Glück.

Viele Jahre später war es so weit. Champ war inzwischen sehr alt und konnte kaum noch gehen. Er wurde weiterhin von den Menschen gefüttert und von seinem Rudel verehrt. Kämpfen konnte er schon eine Weile nicht mehr, aber er wurde häufig um Rat gefragt oder musste Streitigkeiten schlichten, denn er war weise. Seine Wege waren kürzer geworden. Er schlief nun angelehnt auf einer Treppenstufe, weil seine Gelenke schmerzten, und ein Bein hatte kein Gefühl mehr. Er hüpfte kläglich und unter Schmerzen auf drei Beinen.

Wenn Champ seine Freundin Supansa sehen wollte, wartete er am Rande ihres Gebietes, bis sie zu ihm kam. Sie würde noch viele gute Jahre leben können, aber er spürte, dass seine Zeit ablief. Und er wollte nicht langsam und von allen begafft auf seiner Treppe verrotten. Darum bat er sie heute, sich an seine Bitte zu erinnern. Er sagte zu ihr:

„Denk daran. Am Ende ist nur wichtig, warum wir etwas tun.“

Das war erst gestern gewesen.

Der alte Champ.

Heute ist Champ früh aufgestanden, denn heute wird sich alles ändern.

Es ist so weit. Unser Freund verlässt seinen Platz auf der Treppe, ohne sich noch einmal umzusehen. Er hüpft vorsichtig auf seinen drei Beinen den weiten Weg zum See hinunter. Die Schmerzen zwingen ihn immer wieder, keuchend eine Pause zu machen. Aber das ist ihm egal, denn es ist noch sehr früh, und besonders heute hat er alle Zeit der Welt. Die hohen Wolken leuchten rot und orange am dunkelblauen Himmel. Bald wird die Sonne aufgehen. Er weiß, er ist ein Teil von all dem, was er sieht, und er wird es für immer bleiben, denn nichts vergeht. Es gibt nur Veränderung.

Champ ist nun fast am See, verlässt den Weg und tritt in Königin Supansas Nest.

Dies ist der erste Tag ihres Lebens, an dem die Königin weint. Sie fühlt keine Schuld, denn er hatte ihr noch mit seinem letzten Wort für ihr Opfer gedankt, und sie weiß:

Wenn wir etwas tun, ist das Warum wichtiger als das Was.

Und Liebe ist das beste „Warum“ der Welt.

Wie es sich gehört, endet unsere Geschichte also an dieser Stelle mit einer Moral.

Aber gute Geschichten enden nie so ganz, und das ist auch gut so.

Die Sonne geht auf, und beide liegen umschlungen am Ufer des Sees. Supansa erwacht und bemerkt, dass Champ den alten, toten Körper verlassen hat. Ihr Verlust hat alles für sie verändert. Aber sie fühlt, dass er noch da ist. Die Königskobra ist erst 12 Jahre alt und damit in der Mitte ihres Lebens, doch sie strahlt schon im goldenen Glanz der Alten und Weisen. Sie spürt Champ in ihrem Herzen und überall um sie herum. Für immer, denn nichts vergeht.

Der alte Mann

Zur gleichen Zeit fährt ein Auto auf den Parkplatz beim Tempel. Die Hunde aus Champs Rudel wissen, dass es gleich Frühstück geben wird, und kommen wedelnd zur Fahrertür. Als der alte Mann aussteigt, bemerkt er, dass Champ fehlt. Er ahnt, dass er seinen Freund nie wieder sehen wird.

Das Rudel bekommt sein Essen wie üblich. Doch der Mann fährt heute nicht wie üblich sofort nach Hause. Heute geht er zum goldenen Rad am Fuß der Treppe und betrachtet es melancholisch. Er spürt, dass es ihm etwas Wichtiges mitteilen könnte. Aber er kann die Botschaft nicht verstehen. Dann steigt er langsam die beschwerlichen 200 Stufen bis zum Fuß der Pagode über dem Tempel hinauf. Oben angekommen, setzt er sich erschöpft und schaut über die Tempelanlage bis zum Meer. Während sein Herzschlag sich beruhigt, blickt er nach links, wo die Hütten der Mönche vom Wald verborgen werden. Dann schaut er nach rechts, ohne zu wissen, dass dort Supansas Reich liegt. Für ihn ist dort nur der große See, der den Dschungel von den Feldern trennt. Er spürt nicht, was heute dort geschah.

Die oberste Stufe vor der Pagode.

Der alte Mann denkt an seinen Freund und wundert sich, dass er nicht traurig ist. Natürlich vermisst er ihn, aber das ist Selbstmitleid. Er weiß, dass Champ immer furchtlos seinen Weg gegangen ist. Was auch immer er seit gestern getan hat, er wusste sicher genau, warum.

Aber wie könnte er diesen Hund verstehen? Er ist ja nur ein Mensch.

Der Alte geht nun vorsichtig die steile Treppe hinab zu seinem Auto. Bei jedem Schritt muss er aufpassen, denn die Stufen sind schmal und manchmal rutschig. Darum bemerkt er nicht, dass ein junger Mönch vom See zurück zum Tempel geht. Die Gestalt bewegt sich so langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt. Der junge Mann scheint verträumt den Tag zu genießen. Seine orangefarbene Robe leuchtet wie Gold in der Morgensonne.

Die steile Treppe. Rechts der See und links sind die Hütten der Mönche versteckt.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #5

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