Läuferleben #2 - Eine länger als geplante Geschichte

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Läuferleben #2 - Eine länger als geplante Geschichte
Klassische Powerriegel bei einer Laufpause. Irgendwo in den Alpen.

Interessant wird es, wenn man sich verläuft. Im Juli 2013 sollte mich ein langer Lauf von Ehrwald hinauf bis zur Coburger Hütte bringen und von dort in einem Bogen um die Sonnenspitze herum zurück zur Pension. Die 22 Kilometer mit etwa 1.700 Höhenmeter erschienen mir knackig aber relativ kurz, also machbar.

Zunächst lief alles wie geplant. Es ging früh morgens lange bergauf, und andere Menschen waren bald nur noch selten zu sehen. Dann lief ich am steinigen Ufer des spiegelglatten Seebensees entlang und stieg von dort holprig hinauf zur Hütte, wo ein Apfelstrudel auf mich wartete.

Nach etwa zwölf Kilometern und knapp 1.000 Höhenmetern war die erste Zwischenstation erreicht. Die Stärkung war nötig, denn eine erste Müdigkeit setzte ein, und nun standen zwei steile Kilometer mit 400 Höhenmetern an. Es ging über Geröll am Drachensee vorbei und mit brennenden Oberschenkeln weiter hinauf zur Grünsteinscharte. Ich musste immer wieder kleine Erholungspausen einlegen. Bei blauem Himmel wirkte selbst diese karge Landschaft unglaublich.

Blick von der Grünsteinscharte auf den Drachensee, die Coburger Hütte und die Sonnenspitze.

In der Scharte traf ich eine Wandergruppe aus Ulm. Alle offenbar bergerfahren und wie ich gut gelaunt und bestens ausgerüstet. Wir alle waren wegen der bisherigen Anstrengungen und wegen der dünnen Luft atemlos. Aber vielleicht war es auch nur der schwindelerregende Ausblick in 2.300 Metern Höhe.

Wer hier unterwegs ist, sollte wissen, was er tut, und entsprechend bergtauglich ausgestattet sein. Hierzu passend begegnete mir wenige Minuten später eine junge Frau in schicken Sandaletten und ohne jedes Gepäck. Perfekt für einen kleinen Spaziergang auf der Strandpromenade.

Da es in den folgenden Tagen keine Vermisstenmeldungen in den Medien gab, gehe ich davon aus, dass sie es wundersamerweise zurückgeschafft hat. Oder niemand hat sie vermisst.

Typische Sandalettenpromenade.

„Wie kann man nur so unterwegs sein?! Wer hier unterwegs ist, sollte so vorbereitet sein, dass er keine unangenehmen Überraschungen erleben sollte.“ – dachte ich kopfschüttelnd.

Ich hatte die zu dem Zeitpunkt noch fröhliche Arme schnell passiert, denn es ging nun bergab. Noch vier Kilometer bis zum nächsten und letzten Stopp. Schon einen Kilometer weiter wollte ich nach rechts abbiegen; ein letzter Anstieg am Höllkopf vorbei zur Marienbergalm. Dort sollte mein zweiter Snack vor dem zügigen Abstieg zurück nach Ehrwald stattfinden. Bei nachlassenden Kräften hauptsächlich bergab und nicht mehr so weit. Ein guter Plan.

So weit, so gut.

Die dann folgenden Ereignisse in Stichpunkten:

  • Mit steilem Gefälle über Geröll abwärtsgedüst und dazu passend nach 2 km den Abzweig verpasst. Erst 500 Meter weiter, steil bergab, am Lehnberghaus mit mittlerweile zitternden Beinen zum Halten gekommen.
  • Dort aus Faulheit die Entscheidung getroffen, nicht wieder zum Abzweig zurückzugehen. Die 700 Höhenmeter abwärts auf den 2,5 Kilometern hatten mein Gehirn und meine Kräfte überfordert. Ich war in jeder Hinsicht leer. Also entschloss ich mich, mit den letzten Kräften 4 km weiter talwärts zu laufen, weil es dort einen Bus nach Ehrwald geben sollte.
  • Im Tal festgestellt, dass an diesem Tag kein Bus mehr fuhr.
  • Ein endlos erscheinender Anstieg von 4,5 km auf einem langweiligen Wirtschaftsweg hinauf bis zur Marienbergalm. Ich hatte immerhin den Trost, etwas zu erleben, das mich so stark beeindruckte, dass ich es wohl nie vergessen würde.
  • Auf der Alm war ich endlich zurück auf der geplanten Route. Nach der Einkehr war der Zeitpunkt erreicht, an dem ich nicht mehr einfach erlebte, sondern mich selbst beobachtete. Zuerst bemerkte ich ein unklaren Blick, wie beim Schielen. Dadurch hatte sich ein leichtes Schwindelgefühl eingestellt. Nach einem leichten Frösteln saß ich plötzlich neben mir. Zeit für die entsprechende Erzählperspektive.

Der müde Läufer hatte irgendwann die allerletzten Kräfte gesammelt und für das letzte Geld eine viel zu kalte Apfelschorle getrunken. Er würde sich nun einen weiteren Kilometer steil bergauf schleppen.

Verschwitzt und stinkend würde er einen kurzen Stopp auf dem Marienbergjoch machen. Er wusste noch nicht, dass dort dutzende Touristen unterwegs sein würden. Sie waren zuvor per Lift auf den Berg gekommen. Der Läufer würde sie nicht wahrnehmen. Er würde geistesabwesend die Aussicht genießen und Kräfte sammeln, von denen er nie geahnt hatte, dass er sie noch besaß. Seine aller-allerletzten Kräfte.

Plötzlich schreckte ihn ein Segelflieger auf, der dicht über seinem Kopf vorbeizischte. Staksig raffte er sich auf und ignorierte dann die Wanderwege, während er schnurstracks drei Kilometer über Wiesen und Pferdekoppeln bergab nach Biberwier stolperte. Die 800 Höhenmeter kamen ihm vor wie im Traum. Ein freier Fall auf weichem Almgeläuf.

Unten angekommen, rief der Verirrte mit rauer Stimme seine Frau an und bestellte sich zwei große alkoholfreie Biere, damit sie bei seiner Ankunft weder kalt waren noch Kohlensäure enthielten.

Inzwischen gefühllos schleppte sich die Gestalt vier sehr lange Kilometer zurück nach Ehrwald. Mit den aller-aller-allerlet ... – ach, lassen wir das.

Aus 22 Kilometern mit etwa 1.700 Höhenmetern waren mehr als 30 Kilometer mit etwa 2.300 Höhenmetern geworden. Eigentlich kein so großer Unterschied.

Wenn man sich aber die Kräfte falsch eingeteilt hat und das erst merkt, wenn man plötzlich noch viel mehr als erwartet vor sich hat, lernt man einiges.

In ihrer Pension schaffte es die heimgekehrte Seele tatsächlich gemeinsam mit dem Rest ihres Körpers die Treppe bis zu den Bieren in der zweiten Etage hinauf zu erklimmen. Fünf weitere Höhenmeter.

Isotonische Rehydrierung am Abend.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Laufen #2

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