Läuferleben #3 - Einmalig im Zweierteam

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Läuferleben #3 - Einmalig im Zweierteam
Tiefes Geläuf

"Der Transalpine Run ist eines der anspruchsvollsten Trail-Etappenrennen der Welt. Er wird bereits seit 2005 jährlich ausgetragen und führt die Läufer in Zweierteams sieben Tage lang von Deutschland über den Alpenhauptkamm nach Italien." Ungefähr so würden die Fakten wohl nüchtern von einer KI zusammengefasst. Der Lauf selbst war allerdings bei weitem nicht so emotionslos.

Im Jahr 2018 standen etwa 300 Teams hinter der patschnassen Startlinie in Garmisch-Partenkirchen. In diesem Jahr gab es zudem für 100 Zweierteams das Angebot, nur die ersten zwei Etappen zu laufen. Also gleich in doppelter Hinsicht der Run2.

Obwohl ich generell am liebsten alleine laufe, wollte ich damals endlich das Abenteuer Teamlauf wagen. Auch wenn es nur die zweitägige Version eines Etappenlaufs war, sie sollte es in sich haben.

Am Abend vor dem Start traf ich meine zukünftige Laufpartnerin Christina. Wir hatten uns über die Startplatzbörse kennengelernt und waren noch nie zusammen gelaufen. Christina hatte eine sehr gute Kondition, aber war in einem solchen Wettbewerb unerfahren. Ich hatte die Erfahrung, war aber wegen gesundheitlicher Probleme schlecht vorbereitet und genau so alt wie ihr Vater. Während ich versuchen würde, ihre geringe Erfahrung auszugleichen, standen die Chancen schlecht, wenn es um das Ausgleichen meiner geringen Fitness ging. Man ist halt fit oder eben nicht.

Tag 1: Lang, hart und nass

Ein nasser Morgen in Garmisch.

In der Nacht hatte es geregnet, und während wir mit Lampenfieber zum Start gingen, nieselte es immer noch. So würde es fast den ganzen Tag lang bleiben. Schlechte Bedingungen für die Fotografen an der Strecke. Für die Läufer würde es keinen wesentlichen Unterschied machen. So war zumindest unsere Hoffnung.

Die erste Etappe sollte uns über 44 Kilometer mit 2.400 Höhenmetern nach Nassereith führen. Schon bald merkten wir: Aufpassen war angesagt, denn es war rutschig, und niemand möchte auf abschüssigen, steinigen Wegen stürzen. Die steilen Anstiege wurden durch den vom Regen aufgeweichten Boden besonders hart.

Zunächst ging es aber mehr als 6 Kilometer weit flach und über befestigte Wege durch die Wiesen bis Hammersbach bei Grainau. Sehr langweilig, aber hilfreich, denn es lag ja noch ein weiter Weg vor uns. Alle konnten sich locker machen, und die Läuferschar wurde auseinandergezogen. Bei Hammersbach ging es dann aber endlich richtig los. Ein schmaler Weg führte uns aufwärts. Die ersten 500 Höhenmeter als Appetithappen, denn danach warteten noch 2.000 auf uns. Nach dem Abstieg zum Eibsee wartete bei Kilometer 11 eine Verpflegungsstation auf uns. Sie war direkt unter den Stahlseilen der deutschen Seilbahn auf die Zugspitze aufgebaut. Ein erster Läufer lag hier erschöpft am Wegesrand. Während er vom medizinischen Team versorgt wurde, besprach er mit seinem ratlosen Begleiter, wie es weitergehen sollte. Christina und ich zogen mit der Karawane weiter zum nächsten Anstieg.

Wieder ging es lange und steil bergauf. Diesmal waren es 5 Kilometer mit weiteren 500 Höhenmetern bis zur österreichischen Grenze. Es wurde immer einsamer, als wir das obere Ende einer Schipiste erreichten. Eine Narbe im herrlichen Bergwald. Gleich wären wir oben und an der Grenze. Wir warfen einen letzten Blick zurück nach Norden. Tief unter uns glänzte der Eibsee. Tschüss Deutschland und Griaß di Österreich. Durch die menschenleere Landschaft ging es nun zur Hochthörlehütte und eilig daran vorbei. Christina und ich liefen müde, aber entspannt weiter abwärts bis zum Koppensteig, den ich aus Urlauben in Ehrwald gut kannte. So nass und rutschig hatte ich den schmalen Weg aber noch nie erlebt.

Nach der halben Distanz waren wir dann im Lärchenwald bei Ehrwald und bereits fast am Anschlag. Die rutschigen Bedingungen erforderten in vielen Streckenabschnitten höchste Konzentration. Es gab also nicht nur körperlich ein zusätzlicher Päckchen zu tragen. Während wir zunächst mit sanftem Auf und Ab entlang des Ehrwalder Beckens zum letzten langen Anstieg liefen, schnauften wir kräftig durch, denn nun würde es ans Eingemachte gehen. Auf engen Serpentinen schlängelte sich die Läuferkarawane die 750 Höhenmeter hinauf zur Marienbergalm. Die vermeintlich letzte große Hürde. Ab dort wären es dann nur noch etwa 14 Kilometer, 300 Höhenmeter im Aufstieg, aber 900 im Abstieg. Juchhu!

Kaum jemand ahnte, dass genau dort die größte Herausforderung auf uns warten würde. An eine Passage gegen Ende der Etappe erinnere ich mich immer noch wie an einen unangenehmen Traum.

Besser nicht stolpern. Die Autobahn über Schotter.

Aber erst einmal näherten wir uns mit weichen Knien der Marienbergalm. Es ging über ein Schotterfeld und dann unter den Seilen einer Bergbahn hindurch. Das Tempo war ruhig und das Keuchen in der Läuferschar wurde leiser. Ein letzter kleiner Anstieg mit der Verpflegungsstation im Blick ließ uns sofort die ausgelaugten Oberschenkel spüren. Dann gab es die üblichen Leckereien. Kekse, süße Fruchtriegel, Obst, Wasser und Iso. Und es gab verschwitzte, aber lächelnde Gesichter. Die Vorsichtigen warnten vor einem zu forschen Tempo beim Bergablaufen. Die Erschütterungen könnten nach einiger Zeit zu Unwohlsein führen, und zu müde Beine könnten auf dem nassen Boden die Kontrolle verlieren. Okay, danke, gut zu wissen. Aber nun war es Zeit für den Endspurt und dann die Läuferparty am Abend. - Dachten wir.

Schon bald kamen wir zum letzten Aufstieg über eine Alm. Er erschien endlos, denn bei jedem Schritt aufwärts rutschte man im tiefen Matsch wieder zurück. Sisyphos in den Alpen. Als ich mit wackeligen Beinen endlich oben war, stolperte ich kraftlos und landete wenig elegant mit dem Rücken im Dreck. Diese Erschütterung gab mir fast den Rest. Mit matschiger Rückseite ging es dann abwärts zum Ziel. Nach siebeneinhalb Stunden waren wir total ausgepumpt in Nassereith.

Zwei Pferde in Nassereith, die absolut nichts mit der Geschichte zu tun haben.

Die Abendveranstaltung verließ ich früh und hungrig. Mein Magen verweigerte, wenig teamfreundlich, die Nahrungsaufnahme, also wollte ich zumindest früh schlafen gehen. Am nächsten Tag sollte es über 27 Kilometer und 1.500 Höhenmeter nach Imst gehen. Im Zimmer trank ich viel Isotonisches und aß die mitgebrachten Kekse. Zum Schlafen kam ich aber erst mal nicht, denn vier Stunden lang quälten mich gemeine Krämpfe. Meine Beine und Füße waren immer wieder komplett versteift. Stretching entspannt die verhärteten Muskeln, aber wenn man minutenlang in allen Muskeln gleichzeitig Krämpfe hat, ist das Dehnen unmöglich, falls man es schafft, aus dem Bett aufzustehen. Also blieb ich irgendwann einfach liegen und wartete bis es aufhörte. Schließlich taten die Salztabletten und die Müdigkeit ihr Werk, und ich konnte endlich für ein paar Stunden schlafen.

Bei einem Sololauf hätte ich mit Sicherheit an diesem Punkt aufgegeben.

Tag 2: Läuft doch!

Am nächsten Morgen schien die Sonne, und es ging mir unerwarteterweise gut genug, um mich startbereit neben Christina aufzustellen. Ein Hauch von Zuversicht stellte sich ein. "Nur noch 27 Kilometer mit 1.300 Höhenmetern, kaum der Rede wert" wurde gescherzt.

Zunächst liefen wir fast zwei Kilometer langsam und flach auf engen Wegen bis zu einem etwa 5 Kilometer langen Anstieg mit fast 600 Höhenmetern. Fast jeder machte immer wieder Halt, um zu verschnaufen. Christina ging es den Umständen entsprechend gut, und ich war perplex, denn ich fühlte mich müde, aber mit jedem Kilometer besser. Als wir oben ankamen, machten wir eine kurze Bestandsaufnahme und wussten, dass der Rest zwar noch lang, aber relativ leicht war. Es würde zwei bergab-bergauf Passagen geben und ab dann könnten wir es rollen lassen. Wir fühlten uns gut genug, um ein lockeres Tempo über die wunderbaren Almen und Waldwege ins Auge zu fassen. Wir waren im Moment und der anstrengende Vortag war vergessen.

An der einzigen großen Verpflegungsstation schmiedeten wir einen kleinen Schlachtplan. Christina hatte am Vortag herablassende Kommentare des knapp vor uns platzierten Mixed-Teams gehört und schlug vor, zu versuchen, sie zu überholen. Ich mochte die Idee und bat sie, mir das Tempo zu überlassen. Zudem füllten wir unsere Mägen und die Wasserflaschen randvoll. Denn wir gingen kalkuliert ins Risiko und würden die Getränkestation entgegen aller Laufregeln auslassen.

Bei Müdigkeit hilft Wettbewerbsdenken, auch wenn das Ziel nur konstruiert ist.

Mit Zuversicht und Mut ging es weiter. Es machte uns Freude, ein geheimes, selbst gesetztes Ziel zu verfolgen. Das Team unserer Opfer lag nach der ersten Etappe knapp vor uns. Es würde ihnen für den zweiten Platz in der Gesamtwertung reichen, etwa zeitgleich mit uns ins Ziel zu kommen. Wir hingegen mussten für Platz zwei deutlich vor ihnen sein.

Unsere Attacke beginnt mit zwei Lächeln.

Das andere Duo hatte sich energiesparend an unsere Fersen geheftet (Taktik!). Wir wurden aber auf flachem Geläuf immer langsamer (bessere Taktik?). Also zogen sie endlich an uns vorbei, und wir hängten uns mit recht großem Abstand dran, um sie in Sicherheit zu wiegen. Als die letzte kleine Verpflegung nicht mehr weit war, legten wir Tempo zu, und zwar richtig. Es ging ja erst einmal nur bis zum nächsten Stopp. Das dachten zumindest die anderen zwei und ließen uns gleichmütig ziehen. Wir stoppten aber nicht, sondern stürmten bergab. Plötzlich waren wir für sie unerreichbar. Das hofften wir zumindest. – Wir behielten recht und erreichten glücklich das Ziel.

Die hart erkämpfte Erinnerungsstütze.

Epilog

Im Nachhinein bin ich immer noch erstaunt und glücklich darüber, wie gut Christina und ich als Team funktioniert haben. Obwohl wir nie zuvor gemeinsam gelaufen waren, hat es sofort gepasst. Liebe Christina, solltest Du glauben, dass Du von meiner Erfahrung profitiert hast, ist das nur ein kleiner Teil dessen, was ich denke. Egal, wie schwierig es wurde, Du warst immer positiv, was eine menschliche Qualität ist, die nur wenige haben. Ohne Dich wäre ich niemals zur zweiten Etappe angetreten, und unsere gemeinsamen Kilometer zum Ziel in Imst hätte es dann nicht gegeben. Das wäre wirklich sehr schade gewesen. Übrigens bin ich nie wieder in einem Teamwettbewerb angetreten. Es hätte nur schlechter werden können.

Danke, Christina! Es war mir eine unvergessliche Freude.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Laufen #3

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