Der große Hund
Champ #1/3 . . .
Der kleine Hund und die Menschen
Die Hündin gebar ihre Kinder viel zu früh. Ihr Körper hatte sich aus Verzweiflung dazu entschlossen, denn sie war klein und zierlich wie ein junges Reh. Der Vater ihrer Kinder war das Kind einer Bordeauxdogge und hatte ihre massige Größe. Würden ihre Kinder weiter in ihr wachsen, wäre eine Geburt unmöglich, und alle würden sterben.
Drei Geschwister starben, aber die Mutter überlebte – und der größte Sohn.
Zwei Monate später saß der kleine Hund wie verloren in der Mittagshitze am Straßenrand neben dem Parkplatz. Im Morgengrauen war seine Mutter von einem Pickup überfahren worden. Sie hatte geschlafen und war sofort tot. Ihr Körper lag nun im Schmutz am Strassenrand. Der Fahrer hatte wahrscheinlich nur ein Rumpeln gespürt. Der Kleine hatte den vorbeischießenden Pkw gehört, und als er die Augen öffnete, sah er, erst halb wach, seine tote Mutter. Für den kleinen Hund war es wie ein Schlag, der ihn betäubt zurückließ. Denken war unmöglich, also setzte er sich neben sie und wartete. Die Zeit verging. Hunger und Durst bissen ihm in die Eingeweide. Schließlich schlief er ein.
In seinem Traum lag der Kleine neben seiner Mutter im Schatten einer Mauer und hörte, wie sie eine ihrer Geschichten erzählte.
„Weißt du, mein Sohn, das Wichtigste im Leben ist Vertrauen. Vertrauen in dich selbst und in das Leben. Vertraue dir selbst, und du bist mutig.“
„Vertraue keinem Menschen, denn sie haben fast alles verloren, was sie menschlich gemacht hat. Sie sind nicht mehr klug und mutig. Nun haben sie nur noch Angst, irgendwelche Dinge zu verlieren.“
Als sie seinen fragenden Blick sah, lächelte sie traurig. „Es begann damit, dass sie geglaubt haben, immer wieder neue Dinge zu besitzen, würde sie glücklich machen. Um die zu bekommen, begannen sie, alles nur noch zu benutzen, andere Menschen ebenso wie die Natur.“
„Haben die Menschen den Verstand verloren?“, fragte der kleine Hund.
Müde fügte sie hinzu: „Das Vertrauen. Bisher haben sie nur ihr Vertrauen verloren.“
Die Mutter sah ihn an und sagte: „Ich muss jetzt schlafen. Frag den braunen Mönch, wenn Du ihn triffst, denn er ist immer noch ein wahrer Mensch.“
Sie rollte sich auf den Rücken, weil es dort an einer Stelle juckte, die sie nicht gut erreichen konnte. Dann schlief sie ein.
Der kleine Hund aber wollte sie wecken, denn er hatte noch eine ganz wichtige Frage.
Da wurde er wach. Er öffnete seine Augen und bemerkte, dass seine Mutter fort war. Wahrscheinlich hatte der Waran ihren toten Körper in den See geholt. Das hätte ihr gefallen, denn nun half sie dem Waran und seiner Familie zu überleben. Sie hatte die Warane gemocht, weil sie mit wenig glücklich und zufrieden waren. Sie wollten nicht immer mehr und mehr.
Obwohl der Kleine schwach und benommen war, setzte er sich aufrecht hin.
Er atmete das Leben ein und hatte Vertrauen.
Das junge Ehepaar war auf dem Heimweg. Es war Samstag und die zwei hatten viel zu lange geschlafen. Sie hatten ihre Spenden in die große Tempelanlage gebracht und bei der Gelegenheit für ihr spätes Frühstück eingekauft. Es würde Gegrilltes und Klebreis geben. Vorab tranken sie bereits ihre süßen Eiskaffees und genossen den Tag.

Rechts, direkt vor dem Haupttor der Tempelanlage zur Straße, lebten viele Hunde auf einem Parkplatz. Wegen der sengenden Hitze war der Platz inzwischen leer und ruhig geworden. Am linken Straßenrand glänzte der See im gleißenden Sonnenlicht. Die Frau genoss den Ausblick und die Stimmung, als ihr Mann plötzlich anhielt und dann langsam rückwärts fuhr.
Er sagte nur: „Komm!“ und stieg aus.
Beide gingen behutsam auf den kleinen Hund mit den riesigen Füßen zu. Er wirkte zerknautscht, als hätte er eine viel zu große Jacke an. Der Kleine sah ihnen direkt in die Augen. In einiger Entfernung blieben sie stehen. Mit einer Hundemutter, die ihr Kind beschützen will, ist nicht zu spaßen.
Die zwei sahen sich um, aber der Platz lag heiß und leer unter der grellen Sonne. Gerade wollten sie zu ihm gehen, da stand der Kleine auf und trottete auf das Paar zu. Er wedelte nicht vor Freude oder Nervosität, sondern ging an ihnen vorbei zum Auto.
Die Frau sah ihren Mann fragend an, während sie den kleinen Hund auf den Arm nahm. Er nickte mit feuchten Augen.
„Wie hast du ihn sehen können? Er saß doch im Halbschatten und sieht aus wie der Erdboden“, fragte die Frau.
„Ich weiß nicht“, antwortete der Mann.
Ohne ein weiteres Wort fuhren sie heim. Nichts war geplant, und nichts wurde geplant. Sie folgten ihren Herzen und schwiegen glücklich.
Das Paar lebte in einer typischen kleinen Siedlung. Ihr Haus war nicht groß, aber es genügte für sie und ihren ungeplanten kleinen Zuwachs. In den nächsten Wochen fraß der zerknautschte Hund alles, was sie ihm hinstellten. Sie nannten ihn Yap, denn das bedeutet „zerknittert“. Yap lernte schnell und war ruhig und freundlich. Das junge Paar liebte ihn für seine Art. Er war süß und klug. Der ideale junge Hund.
Der Kleine genoss sein Zuhause und wuchs schnell. Schon nach wenigen Monaten lebte er hauptsächlich im kleinen Garten, denn im Haus allein war zu wenig Platz für ihn und seine Streifzüge. Dann musste irgendwann das große Auto an der Straße geparkt werden, damit Yap mehr Platz im Garten hatte.
Zwei Jahre später saß der junge Mann im Pickup und versuchte, nicht zu denken. Der Motor lief, damit die Klimaanlage es den Fahrgästen gemütlich machen konnte. Der Mann saß am Steuer und sah sich auf dem Handy Werbung an, um sich abzulenken.
Irgendetwas aus ganz viel buntem Plastik sollte ein „Must-have“ für junge Eltern sein. Ein Video zeigte ein Kleinkind, dem von einer automatischen Babypuppe gezeigt wurde, wie man krabbelt und aufsteht. Kinder würden hierdurch klug und den Eltern bliebe mehr Zeit für Wichtigeres. Das sagte zumindest ein vertrauenerweckender Mann mit Brille und weißem Kittel.
Endlich war auch die Frau bereit. Sie ließ den inzwischen massigen Yap von der Leine und watschelte mit dickem Babybauch zum Auto. Als sie ankam, war der Hund bereits auf der Ladefläche und wedelte heftig vor Freude.
Ausgehen, Abenteuer, andere Hunde treffen und mit ganz viel Zeit tausend neue Gerüche aufnehmen. Das wahre Leben! Er freute sich, weil diese Ausflüge seit Wochen kaum noch stattfanden. Aber heute!
Die zwei Menschen fuhren zur Tempelanlage, bei der sie Yap gerettet hatten. Das große Tor und den See ließen sie hinter sich, denn es ging weiter bergauf. Nachdem sie die prächtigen Bauten und das Museum passiert hatten, wurde die Straße schmaler. Links war Dschungel, und rechts, abseits des Weges, versteckten sich die gelben Hütten der Mönche im Schatten der Bäume.
Fast oben auf dem Hügel, beim Parkplatz, liebte Yap seine Spaziergänge besonders. Dort war das Ziel.
Als sie alle ausstiegen, kam ein Hunderudel zur Begrüßung. Sie mochten den freundlichen Artgenossen. Wegen seiner Größe hielten einige aber vorsichtshalber Abstand.
Alle bekamen ihre üblichen Essensrationen. Als der große Yap eine eigene neue Schale bekam, wusste er, dass sich etwas Wichtiges ändern würde. Er ging zu dem jungen Paar und leckte beiden zum Dank die Hände. Dann drehte er sich um und ging, ohne das Essen oder die anderen Hunde anzuschauen, zur langen Treppe, die zum Gipfel führt. Das Paar und den Namen, den sie ihm gegeben hatten, ließ er hinter sich.
Ohne ein weiteres Wort fuhren die Menschen heim. Sie passierten wieder den großen See und das Tor neben dem sie den kleinen Hund vor erst zwei Jahren gefunden hatten. Damals waren sie ihren Herzen gefolgt. Heute hatte sie ihre Unsicherheit geleitet, darum tat es ihnen leid um Yap. Aber was das Paar aus Angst vor der Zukunft getan hatten, war gut, genau so, wie es war. Nicht für sie, denn ihr Kind hätte den Hund niemals fürchten müssen, im Gegenteil.
Sie hatten das Richtige für unseren Freund getan.
Endlich zu Hause
Für den Großen begann ein neues Leben, und er freute sich. Er war weder traurig noch ängstlich, weil er wusste, dass alles gut war. Genau so sollte es sein. Die Jahre, die er bei den Menschen gelebt hatte, waren angenehm, aber auch ein Gefängnis gewesen. Nun war er frei und hatte Vertrauen in sein Leben.
Das Rudel am Fuß der Treppe hatte einen Anführer, der unseren Hund zum Kampf forderte, denn nur einer kann diese Autorität haben. Die Auseinandersetzung war kurz und weniger blutig als üblich, weil die Kräfteverhältnisse zu unterschiedlich waren. Unser Freund übernahm die Führung des Rudels mit demütiger Selbstverständlichkeit.
Hunde sind fast immer in Gruppen unterwegs, denn das gibt ihnen Sicherheit und erhöht ihren Erfolg bei der Jagt. Der große Hund aber liebte Spaziergänge alleine. Nach und nach entdeckte er hierbei, wie fast unendlich groß die Tempelanlage war. Viele Artgenossen lebten hier in Rudeln. Dies waren bunt zusammengewürfelte Gruppen aus Kameraden. Die meisten waren hier geboren worden. Andere hatten das gleiche Schicksal wie er. Diese litten oft unter dem Verlust ihrer Heimat und der Menschen, die sie verstoßen hatten. Es fiel ihnen schwer zu akzeptieren, dass sie nun frei waren – frei von Befehlen und Einschränkungen.
Nur für die Mutigen ist Freiheit ein Geschenk.

Einige Tage später bemerkte ein älterer Mann, der den Hunden manchmal Essen brachte, unseren Freund, als dieser auf ihn zutrottete. Das Rudel machte seinem neuen Herrscher Platz. Friedlich setzte sich der Namenlose vor die Füße des Fremden und sah ihn an. Der Mann blickte auf einen klobigen, stinkenden Hund mit faltigem Gesicht und erwiderte den gelassenen Hundeblick mit einem Lächeln.
Der Mann nannte ihn Champ.
Champ lebte viele Jahre ein ruhiges und glückliches Leben. Er war nicht nur ein Teil des Rudels, er war zu einem Teil der Tempelanlage geworden. Es gab genug Essen und wenige Krankheiten. Nur manchmal starb ein Artgenosse durch einen Schlangenbiss oder durch eine zu schnelle Stoßstange in der Dunkelheit.
Der braune Mönch
Als unser Freund eines Tages seinen Morgenspaziergang machte, sah er auf der obersten Stufe der langen Treppe einen alten Mönch sitzen. Er hatte ihn noch nie gesehen und doch wirkte er seltsam vertraut. Die Mönche des Tempels hatten täglich bei Morgengrauen bereits ihre Meditation und die Gesänge mit ihren Glaubensbrüdern absolviert. Nun sollte der Mann mit den anderen seinen Almosengang machen. Warum saß er hier? Noch ungewöhnlicher war die Kleidung des Alten. Sie leuchtete nicht in dem typischen hellen Orange, das Champ gut kannte. Ihr Orange war so dunkel, dass es fast braun war.

Champ näherte sich dem Mönch langsam, denn er wusste, dass er mit seiner Größe und Kraft auf Fremde bedrohlich wirken konnte. Der Mönch war alt und klein. Er hatte seine Augen geschlossen und schien mit einem leichten Lächeln zu meditieren. Nicht nur sein faltiges Gesicht strahlte Ruhe aus. Als unser Freund ihn fast erreicht hatte, sagte der Mann, ohne seine Augen zu öffnen: „Setz dich, mein Kleiner.“
Kleiner?! Der große Hund setzte sich neben den dünnen Alten.
„Warum bist Du so anders?“, fragte Champ.
„Ich trage diese braune Robe, weil wir unsere Kleidung selbst färben. Da, wo ich zu Hause bin, gibt es nur diese Farbe. Ich bin ein Waldmönch.“
Champ hatte nicht nur die Robe gemeint. Er dachte nach. Ihm war, als ob der Fremde auf etwas wartete.
Der Alte sagte ruhig „Du möchtest eine gute Welt, darum machst Du dir viele Gedanken darüber, wie du helfen kannst.“
„Deshalb wolltest Du deiner Mutter im Traum eine ganz wichtige Frage über die Menschen stellen. Ich weiß, Du hast die Frage vergessen, aber hier ist die Antwort.“
Champ war so verwirrt, dass ihm schwindelig wurde. Was er gerade gehört hatte, war so verwunderlich. Er wusste nicht einmal, worüber er am meisten erstaunt war.
Mit geschlossenen Augen begann der alte Mönch zu reden.
„Die Angst ist das größte Leid der Menschen, denn durch sie verlieren sie zuerst ihre Menschlichkeit und dann ihre Liebe. Sie sind wie Mäuse. Sie haben Angst vor allem.“
„Warum haben die Menschen Angst?“, fragte Champ nun.
„Weil man sie benutzen will, und wer Angst hat, lässt sich leicht benutzen.“
„Aber wer benutzt sie denn?“
„Andere Menschen, die auch Angst haben.“
Nach einer langen Pause sagte Champ: „Das bedeutet also, dass alle Menschen sich gegenseitig benutzen. Warum? Wer hat denn einen Vorteil davon?“
„Nicht die Menschen“, sagte der Waldmönch.
Der Alte sah ihn zum ersten Mal an. „Du solltest nun gehen. Und mach dir keine Sorgen um die Hunde. Die Menschen sind zu Mäusen geworden, und Mäuse werden von Katzen gejagt.“
Der Mönch wandte sich ab und schloss wieder seine Augen. Er lächelte wieder. „Und Du, mein Kleiner, bist ein Hund, und Hunde jagen Katzen.“
Champ ging, und als er sich noch einmal umdrehte, sah er, wie der Alte sich am Rücken kratzte, weil es dort an einer Stelle juckte, die er nicht gut erreichen konnte. Dann meditierte er weiter.
„Was für ein seltsamer Mönch!“, dachte unser Freund und fühlte sich, als hätte er einen Auftrag bekommen. – Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Ende
Irgendwann konnte der inzwischen alte Hund nicht mehr die lange Treppe vom Parkplatz bis zur Pagode erklimmen. Er war zu schwach, und seine Gelenke schmerzten zu sehr. Also begnügte er sich damit, staksig bis zum ersten Absatz zu gehen. Von dort aus genoss er den Ausblick auf sein Rudel und die Natur, aber meistens schlief er.
Das Essen brachte ich ihm inzwischen zu diesem Lieblingsplatz, und er nahm es mit der immer gleichen Selbstverständlichkeit an.
Dann kam der Tag, an dem Champ fort war.
So gerne hätte ich mich von ihm verabschiedet! Ergriffen fuhr ich heim. Als ich mir vorstellte, wie Champ sein Ende hingenommen hatte, fühlte ich mich getröstet. Ich wusste, dass er sich furchtlos und gelassen auf seinen weiteren Weg gemacht hatte. Wahrscheinlich mit einem Lächeln.
Hermann Hesse schrieb: „Die Dahingegangenen bleiben mit dem Wesentlichen, womit sie auf uns gewirkt haben, mit uns lebendig, solange wir selber leben.“ Trude Herr nannte es kurz und knapp: „Niemals geht man so ganz.“
Danke, mein Freund. Von Dir habe ich Ausgeglichenheit und Weisheit gelernt. Zumindest ein wenig.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #4