Der alte Hund
Sein Leben begann, als er ausgesetzt wurde. Er hatte zuvor bei zwei Menschen gelebt. Als die Frau schwanger wurde, hatten diese beschlossen, dass er gehen musste. Die Jahre, die er bei ihnen gelebt hatte, wurden dadurch belanglos für den Hund. Sie entsorgten den Namenlosen auf einem Parkplatz bei einem Tempel. Dies war das Beste, was sie je für ihn getan hatten.
Nun lebte er also in einer buddhistischen Tempelanlage. Nach und nach entdeckte der Hund, wie fast unendlich groß sie war. Er fühlte sich wohl. Viele Artgenossen lebten hier in Rudeln. Dies waren bunt zusammengewürfelte Gruppen aus Kameraden mit dem gleichen Schicksal wie er. Viele litten unter dem Verlust ihrer Heimat und der Menschen, die sie verstoßen hatten. Es fiel ihnen schwer zu akzeptieren, dass sie nun frei waren – frei von Befehlen und Einschränkungen.
Freiheit ist nur ein Geschenk für die Mutigen.
Rudel haben eine feste Struktur und einen Anführer. Unser Hund war groß und stark. Als er halbherzig von einem Rudelführer herausgefordert wurde, ahnte sein Gegenüber bereits vorher, wie es ausgehen würde. So war der Kampf nur kurz und weniger blutig als üblich. Unser Hund wurde ohne Mühe und ohne Stolz zur Nummer 1 des Rudels. Dieses hatte seinen Hoheitsbereich am Fuß eines Hügels, auf dem eine goldene Pagode thronte.
Einige Tage später bemerkte ein älterer Mann, der den Hunden manchmal Essen brachte, unseren Freund, als dieser auf ihn zutrottete. Das Rudel machte seinem neuen Herrscher Platz. Friedlich legte sich der Namenlose vor die Füße des Fremden und sah ihn an. Der Mann blickte auf einen klobigen, stinkenden Hund mit faltigem Gesicht und erwiderte den gelassenen Hundeblick mit einem Lächeln.
Der Mann nannte ihn Champ.
Champ lebte viele Jahre ein ruhiges und glückliches Leben. Er war nicht nur ein Teil des Rudels, er war zu einem Teil der Tempelanlage geworden. Es gab genug Essen und wenige Krankheiten. Nur manchmal starb ein Artgenosse durch einen Schlangenbiss oder durch eine zu schnelle Stoßstange in der Dunkelheit. Champ hatte schon bald Kinder und Enkelkinder. Die Ähnlichkeiten waren unübersehbar, nur an Größe und Kraft kam keines an ihn heran.

Irgendwann konnte der inzwischen alte Hund nicht mehr die lange Treppe vom Parkplatz bis zur Pagode erklimmen. Er war zu schwach, und seine Gelenke schmerzten ihn zu sehr. Also beschied er sich damit, staksig bis zum ersten Absatz zu gehen. Von dort aus genoss er den Ausblick auf sein Rudel und die Natur, aber meistens schlief er.
Das Essen brachte ich ihm inzwischen zu diesem Lieblingsplatz, und er nahm es mit der immer gleichen Selbstverständlichkeit an.
Dann kam der Tag, an dem Champ für immer fort war.
Ergriffen fuhr ich heim. Als ich mir vorstellte, wie Champ sein Ende hingenommen hatte, fühlte ich mich getröstet. Ich wusste, dass er sich furchtlos und gelassen auf seinen weiteren Weg gemacht hatte.
Hermann Hesse schrieb: „Die Dahingegangenen bleiben mit dem Wesentlichen, womit sie auf uns gewirkt haben, mit uns lebendig, solange wir selber leben.“ Trude Herr nannte es kurz und knapp: „Niemals geht man so ganz.“
Danke, mein Freund. Von Dir habe ich Ausgeglichenheit und Weisheit gelernt. Zumindest ein wenig.
Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #3