Laufen in Thailand

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Laufen in Thailand
Warmlaufen in der Sauna.

Laufen in Thailand ist anders – und auch nicht.

„Same same, but different“. Auf diese Redewendung trifft man in Thailand überall, wo Touristen unterwegs sind. Also überall.

Gemeint ist genau das, was man sich denkt, wenn man den Ausdruck zum ersten Mal hört. Man meint gerade „The same, but different“ gehört zu haben. Dann stockt der Verstand kurz, weil er den kleinen Unterschied bemerkt. Wenn man feststellt, dass man trotzdem verstanden hat was gemeint war, bedeutet das: Egal.

Mit dem Laufen in Thailand ist es ebenso. Eigentlich ist man in Europa schon Jahre oder Jahrzehnte als Läufer unterwegs gewesen und weiß, wie es sich anfühlt. Ob warm oder kalt, mit der richtigen Kleidung und zur richtigen Tageszeit geht es einem immer recht ähnlich, wenn man unterwegs ist. Man rollt sich ein paar hundert Meter ein und schaltet dann auf Autopilot, um sich zu entspannen.

Dann probiert man das wohlbekannte Laufen zum ersten Mal in Thailand ...

Wahrscheinlich macht man das im lange ersehnten tropischen Urlaub. Ein paar entspannte Tage im Hotel sind vergangen und man hat endlich ausschlafen können und den Magen mehrfach bis an die Grenze mit exotischen Köstlichkeiten gefüllt. Es gab Essen und Trinken wie im alten Rom, nur halt thailändisch. Die erste Langeweile setzt ein und mit ihr das Wissen, dass der Körper eigentlich Bewegung braucht, obwohl er gar nichts zu dem Thema gesagt hat. Das Klima verleitet nur zu einer Aktivität: Faulenzen.

Natürlich hat man den inneren Schweinehund in Deutschland schon oft genug besiegt, um zumindest erstmal in die Planung zu gehen. Wann und wo kann man hier laufen? Das „Wann?“ ist leicht auszumachen. Es sollte dann sein, wenn es etwas weniger heiß ist. Wenn schon 90 % Luftfeuchtigkeit, dann zumindest bei nur 28 Grad. Also möglichst früh am Morgen.

Kommen wir zum „Wo?“. Man hat während der Taxifahrt den Verkehr und die Straßenränder gesehen und erkannt, dass das Laufen dort nur für jene geeignet ist, die endlich ihre Todessehnsucht befriedigen wollen. Dort, wo es Seitenstreifen gibt, sind die Straßenhunde das kleinste Problem. Diese schmalen Spuren sind rege befahren. Hier sind alle unterwegs, denen gerade danach ist. Mopeds, PKW und LKW sind hier von langsam bis haarsträubend schnell unterwegs. Dort wird auch überholt, falls ein Besserwisser die eigentliche Fahrbahn blockiert, weil er sich überraschenderweise an die Geschwindigkeitsbeschränkung hält. Natürlich ist ein Großteil der Verkehrsteilnehmer nachts ohne Licht unterwegs und das auch entgegen der Fahrtrichtung. Die gute Nachricht: Leichte Verletzungen im Strassenverkehr sind die Ausnahme.

Die oft von Freiwilligen organisierten Rettungsdienste werden in Thailand übrigens „Seelensammler“ genannt.

Erfahrene Läufer haben viel erlebt und sind irgendwann hart im Nehmen. Wer neu in dieser Umgebung und vernünftig ist, fragt aber zur Vorsicht lieber mal an der Rezeption nach Laufrevieren. Mit etwas Glück gibt es dort die bei unüblichen Fragen übliche kleine Versammlung der anwesenden Mitarbeiter, um herauszufinden, wer helfen könnte. Zumeist bekommt man dann einen Stadtpark oder ein Stadion genannt, in dem der nationale Volkssport Nummer 1 ausgeübt werden kann.

Wer in einem Stadion läuft, erlebt das Gleiche wie in Deutschland, nur unter Saunabedingungen. Hier sind viele Einheimische nicht nur zum Joggen unterwegs, sondern um zu trainieren. Der Anteil der Sportuhrenträger liegt deutlich über 50 %.

8 Uhr morgens. Alle Läufer sind längst auf dem Heimweg.

Wer in einem Park läuft, trifft dort viele Gleichgesinnte. Aber es ist genug Platz für alle da. Man sieht sowohl Walker und Jogger als auch Menschen, die Aerobic oder Yoga machen. Nordic Walking sieht man übrigens nie. Wahrscheinlich ist es hier einfach zu südlich. Ein paar Jüngere machen ihren Frühsport vor der Arbeit, und die Älteren genießen den Morgen und das Leben.

In einem Park läuft man unter Palmen und neben Blütenpracht. Oft gibt es einen See, in dem sich der orangefarbene Morgenhimmel und die aufgehende Sonne bescheiden-protzig spiegeln.

Neben den exotischen Pflanzen kann man eine vielfältige Tierwelt erleben. Die Straßenhunde sind hier zwar nicht exotisch, aber zahlreich und friedlich, weil sie gefüttert werden und sich an die Menschen gewöhnt haben. Ungewohnter sind dann schon die flinken, kleinen Palmhörnchen oder die tropischen Vögel, die laut die Morgendämmerung feiern.

Wer aufmerksam ist, kann stille Bewegungen im Gras oder im Wasser bemerken. Wenn eine Schlange oder einen Waran unterwegs sind, möchten sie nicht bemerkt werden. Sie sind scheu und ungefährlich, zumindest solange sie sich nicht bedroht fühlen.

Vor dem Sonnenaufgang im Park.

Der Tourist – nennen wir ihn Joachim – ist also auf dem Weg zu seinem ersten Lauf in Thailand. Das Navi hat ihn zu einem Parkplatz am Stadtpark geführt. Joe, so nennen ihn seine Laufkumpel, prüft im klimatisierten Auto noch einmal, ob alles für den ersten Zehn-Kilometer-Lauf in Thailand bereit ist. Sein Profilname in der Fitness-App ist RunningJoe, und nun sollen seine Freunde mal staunen! Er wird etwa zwei Kilometer weit rund um den See laufen und das fünfmal.

Seit dem Abendessen weiß er genau, worauf es ankommt, denn gute Vorbereitung ist alles. – Eine sichere Laufstrecke finden. Check! – Auf dem Beifahrersitz stehen zwei Liter Wasser für die vier Zwischenstopps bereit. Mehr als genug. Check! – Die Laufuhr hat auch in Asien ein GPS-Signal gefunden. Check! – Joe fühlt sich fit und voller Vorfreude. Check! - Zeit zum Aussteigen. Auf geht's!

Joe bekommt schlagartig einen Schweißausbruch und möchte einfach nur noch auf die Liege am Strand.

Das hatte er insgeheim geahnt, auch wenn die Schwüle sich nun sehr unangenehm anfühlt. Vielleicht genügt ja auch eine einzige Zwei-Kilometer-Runde?! So zum Eingewöhnen?

Joe ist sich sicher, dass heute jeder Meter gezählt werden sollte. Er drückt darum noch beim Auto die Starttaste an der Uhr und trabt los, denn ein Warmlaufen wäre unter diesen Bedingungen lächerlich. Nach schweißtreibenden 30 Metern kommt er vom Parkplatz in den Park. Dort wollte er richtig loslegen. Lächelnd begrüßt er ein fröhliches Rentnerehepaar, das sich flott gehend angeregt unterhält. Sie wandern an unserem Läufer vorbei als liefe er rückwärts. Nach weiteren 20 Metern bemerkt Joe, dass seine Schritte eher ein Schlurfen als ein Joggen sind. An zügiges Laufen denkt er nicht mehr. Nach 200 Metern wird es langsam besser. Er schließt zu dem älteren Ehepaar auf und hängt sich dran. Joe hat zum ersten Mal in seinem Leben persönliche Pacemaker!

Überraschenderweise ist es nach 500 Metern ähnlich wie in Deutschland. Er ist zwar sehr langsam aber er hat sich eingerollt und schaltet auf Autopilot.

Same same, but exotically different.

Nach einer Runde ist Joe voll drin und hält nur widerwillig zur geplanten Trinkpause. Er ist gefangen in dem Film, den er scheinbar gerade erlebte. Er will weiter genießen und träumen. Seine Füße machen inzwischen schmatzende Geräusche in den Schuhen, weil der Schweiß in Strömen abwärts rinnt. Das beobachtet er ebenso belustigt wie sein Schneckentempo, das die Laufuhr anzeigt. Die dritte Laufrunde beendet er atemlos nach der Hälfte und geht triefend zurück zum Parkplatz. Nach einer Weile bemerkt Joe, dass ihn viele Entgegenkommende herzlich anlächeln. Zunächst hält er das nur für die typisch thailändische Freundlichkeit. Dann bemerkt er sein breites Dauergrinsen und versucht vergeblich seine Wangenmuskeln zu entspannen.

Zurück im Hotel wird geduscht, und dann geht es so langsam wie noch nie zum Frühstück. Der Magen knurrt, aber RunningJoe ist so entspannt und glücklich wie selten. Alles war so anders, aber er hat es geschafft. Fünf Kilometer in der Sauna. Auf dem Buffet werden die üblichen englischen Köstlichkeiten wie verkochte Bohnen in Tomatensoße und tot gebratener Speck mit Toastbrot auf ihn warten. Zum Glück wird es aber auch Reissuppe, grünes Curry und gegrilltes Hähnchen geben. Das übliche Hotelfrühstück in diesen Breiten.

Same same, but deliciously different.

Auf dem Rückweg zu seinem Zimmer kommt Joe an der Rezeption vorbei. Schon aus der Entfernung winkt ihm eine Mitarbeiterin eifrig zu sich. Fräulein Yimyim war ihm schon mehrfach angenehm aufgefallen. Diesmal hat sie ihn kurz zuvor in verschwitzter Laufkleidung gesehen und strahlt ihn nun an. Sie hatte einen Gleichgesinnten erkannt.

„You like lunning, Sir? I got good news for you!“

Das Erste war keine ernst gemeinte Frage. Ja, er läuft gerne. Das Zweite macht ihn neugierig. Was könnten das für tolle Neuigkeiten sein? – In drei Tagen würde es am frühen Sonntagmorgen einen Volkslauf ganz in der Nähe geben. Es gibt weiterhin freie Plätze, sodass man sich noch am Vortag am Veranstaltungsort anmelden kann. Sie würde ihm dort gerne bei der Anmeldung helfen.

Er freut sich, nachdem er spontan zugesagt hat, nicht nur, um noch einmal Yimyims Unterstützung zu genießen. So sollte auf den erste kleine Schritt ins Laufabenteuer schon sehr bald ein großer folgen.

Vom joggenden Urlauber zum Läufer in Fernost.

Tage später sitzt Joe mit Yimyim und ihrem Ehemann beim Mittagessen in einem Imbiss. "We can show you leal Thai food, Sir." Sie hören sich an, wie er freudig von seinen Erlebnissen erzählt.

Joe war zurück in sein Zimmer gegangen und dort begann das Ringen mit der Frage: 5 oder 10? Natürlich könnte er die fünf Kilometer laufen, das hatte er ja gerade schon erledigt, wenn auch mehr schlecht als recht. Oder doch vielleicht die zehn Kilometer?

Das Ringen hielt an, bis Joe am Samstag immer noch unentschlossen zur Registrierung aus dem Auto stieg. Wenn man sich nicht entscheiden kann, ist man für jeden Hinweis dankbar, auch wenn es eigentlich gar keiner ist. Yimyim von der Rezeption stand überwältigend lächelnd am Tisch mit der großen 10. Aufrecht und mit breiter Brust ging RunningJoe zu ihr und meldete sich, Selbstsicherheit vortäuschend, für die lange Strecke an. Die Würfel waren gefallen, ohne dass er noch einmal nachgedacht hatte.

In einem Heft des „MAD-Magazins“ gab es vor langer Zeit die Rubrik „Ich und meine große Klappe“. Dort wurden Situationen gezeigt, in denen jemand vollmundig ankündigt, etwas mit Leichtigkeit zu schaffen. Direkt danach scheitert er bereits im Ansatz jämmerlich. Das Magazin hatte übrigens den Untertitel „Das intelligenteste Magazin der Welt“. Für den Rest des Tages stellte Joe sich die Frage, ob er vielleicht gerade ein typischer "intelligenter" Hauptdarsteller mit viel zu großer Klappe sei.

Der Wecker war auf 4 Uhr morgens gestellt, weil der Start um 5:30 Uhr stattfinden sollte. Ab 3 Uhr war er wach und ging schließlich bereits vor 4 Uhr zum Auto. Eine ruhige Fahrt in der Dunkelheit auf fast menschenleeren Straßen endete auf einem bunt beleuchteten Parkplatz, auf dem es nur so wuselte. Scheinwerfen strahlten in den Himmel. Vieles erinnerte Joe an einen Jahrmarkt. Emsige Einweiser agierten mit Taschenlampen und Trillerpfeifen, und Grüppchen von Läufern strebten schon früh zum Startbereich.

Anders als in Deutschland sind Volksläufe in Thailand auch für Ungeübte ein Treffpunkt. Ihnen geht es um das allgemeine Erlebnis. Der Sport ist da nur ein Mittel zum Zweck. Vor dem Start wird viel geredet und gelacht. Nach dem Lauf ist es ebenso, allerdings mit Essensportionen in den Händen.

Als der lange Lauf kurz bevorstand, trennte sich die Spreu vom Weizen. Die Genussläufer unterhielten sich angeregt weiter, während der Weizen sich zum Warmmachen vor einer Bühne versammelte. Die Lautsprecher wummerten, und die Coaches brüllten aufmunternde Kommandos. Alle begannen fröhlich mit dem „Warmmachen“, auch wenn sie bereits nass geschwitzt waren.

RunningJoe stand beim Weizen und fühlte sich wie Spreu, höchstens.

Noch lange 8 Minuten und 7 Sekunden bis zum Countdown.

Joe fiel die nette Yimyim von der Rezeption ein. Sie war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich stand sie vorne, mitten im Gedränge des Startblocks. Er wollte nicht als rüpelhafter Ausländer auffallen und sich dorthin drängeln. Also blieb er thailändisch zurückhaltend, hinten in der Menge.

Es gab offizielle Ansprachen, den Countdown, das Geschubse beim Start, den Lauf, die nachlassenden Kräfte, den Zieleinlauf und die Medaille. Unser Freund verschwendete keinen Gedanken an Selfies oder an die Dokumentation für die Fitness App. Er genoss einfach den Moment.

Mit der Trophäe um den Hals ging Joe wie in Trance zur Zielverpflegung. Erst ins Ziel, dann die Medaille und dann die Verpflegung. Alles wie zu Hause. Schon wieder same same.

Den Tisch mit dem Wasser musste er zwischen den vielen Ständen lange suchen, denn es gab ein riesiges thailändisches Buffet. Wer braucht schon Wasser, wenn es von Suppe über verschiedene Vor- und Hauptspeisen bis zu Obst und Eiscreme mit Kaffee alles gibt?!

Das war eindeutig VERY different zu Deutschland.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #7