Frühsport

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Frühsport
Die Statue des legendären Mönchsmeisters Luang Pu Tim Issarigo im Wat Lahan Rai, in der Provinz Rayong

Widerwillig öffnen sich meine Augen. Sie haben wohl den Wecker gehört, bevor das Gehirn empfangsbereit war.

Es ist rabenschwarze Nacht, Neumond, 28 Grad und schwül. Nach einigen Sekunden erkenne ich die Zahlen auf dem Wecker. 3 Uhr, na toll! Erst mal auf die Bettkante setzen und das Glas Wasser mit einem Ansatz leer trinken.

Langsam fällt es mir wieder ein. Heute kann ich endlich wieder bei einem meiner Lieblingsläufe starten. Vorsorglich habe ich mir gestern schon die Laufkleidung bereitgelegt. Die Startnummer und die Wasserflaschen warten bereits im Auto.

Ich bin gestern angereist, um alles besser genießen zu können, denn der Veranstaltungsort ist abgelegen. Der Tempel Wat Lahan Rai ist ein im ganzen Land bekanntes spirituelles Zentrum. Er befindet sich etwa 30 km landeinwärts von der wohlhabenden Provinzhauptstadt Rayong.

Sie vereint zwei scheinbar unvereinbare wichtige Industriezweige. Es gibt das größte Industriegebiet Thailands mit Erdöltankern und Petrochemie. Räumlich davon getrennt findet man tropische Strände und die idyllische Insel Ko Samet. In beiden Fällen wird viel Geld verdient, und es wimmelt von Menschen; also nichts für mich.

Landeinwärts wird es mit jedem Kilometer schnell ruhiger und leerer. Dort haben zwar Kfz-Hersteller aus aller Welt große Werke, aber diese findet man nur durch Zufall oder wenn man nach ihnen sucht.

Dort, wo es besonders ruhig ist, werden schöne Läufe veranstaltet. Die Organisation ist professionell, aber unaufdringlich. Die Menschen sind so hilfsbereit und freundlich, wie man es sich nur wünschen kann. Nur braucht man eine lange Anreise auf kleinen Straßen, und es gibt sehr wenige Hotels. In einer dieser kleinen Unterkünfte hatte ich reserviert. Die nächtliche Anreise wurde damit immerhin auf 20 Minuten reduziert.

Zunächst war ich gestern zum Veranstaltungsort gefahren. Dort thront ein riesiger Buddha über dem Start-/Zielbereich des Tempels. Alle waren bestens gelaunt. Hier holte ich mir die Startnummer und eine große Portion Vorfreude ab. Als ich mit beidem im Gepäck in Richtung Hotel starten wollte, begann ein Gewitter.

Gewitter in Thailand sind beeindruckend. Der Himmel wird plötzlich schwarz, und schon beginnt ein heftiger Wind mit sintflutartigem Regen. Auch große Straßen stehen innerhalb weniger Minuten an manchen Stellen knietief unter Wasser. Man sollte also wachsam sein und wissen, was zu tun ist, um einen Motorschaden oder Schlimmeres zu vermeiden.

Eine Stunde später war ich dann endlich beim Hotel, und man fand erfreulicherweise sogar meine Anmeldung – keine Selbstverständlichkeit, wie ich ein Jahr zuvor erfahren musste. Hier gibt es zwar kein Restaurant oder Frühstück, aber einen kleinen 7/11-Laden gibt es in Thailand immer in der Nähe.

Für mich war es noch einfacher, denn das Abendessen hatte ich dabei, ebenso eine süße Kleinigkeit zum Frühstück.

Genau, ... so war das … He, nicht wieder einschlafen, sondern von der Bettkante aufstehen! Dann nach einem kurzen Aufenthalt im Badezimmer ein paar Happen zum Frühstück essen und zügig ins Auto. Ein Check-out ist nicht nötig. Es genügt, dem Sicherheitsmann den Zimmerschlüssel zu überreichen.

Nach einsamer Fahrt komme ich am Veranstaltungsort an und habe noch mehr als eine Stunde Zeit bis zum Start. Am Fuß des großen und golden leuchtenden Buddhas mache ich einen kurzen Rundgang und gehe dann für ein Nickerchen zurück ins Auto. 30 Minuten vor dem Start schnüre ich meine Schuhe eng, denn der Lauf wird etwa zwei Stunden dauern. In dieser Zeit senken sich die Füße etwas ab und dürfen trotzdem nicht im Schuh rutschen. Erfahrung ist nützlich.

Nun beginnt ein Warm-Schlendern und dann das Warmlaufen. „Warm“ ist bei schwüler Hitze die kleinere Aufgabe, aber die Muskeln und Sehnen sollten sich an die Bewegung gewöhnen. Fünf Minuten vor dem Start stelle ich mich zwischen die anderen Teilnehmer im Startblock. Der Nieselregen hat aufgehört. Hinter den seitlichen Abgrenzungen warten die Läufer der kürzeren Distanzen, denn sie werden etwas später starten. Einige von ihnen spielen sicher mit dem Gedanken, irgendwann auf die lange Strecke zu wechseln, aber Ehrfurcht und Demut vor der Anstrengung halten sie noch zurück. Bei einem Wettbewerb über 21 Kilometer unter subtropischen Bedingungen sollte man nur gut vorbereitet antreten.

Die letzten Sekunden vor dem Start sind offenbar auf der ganzen Welt gleich. Die offiziellen Reden der Politiker und Sponsoren werden, wie sehnlichst erwartet, endlich beendet, denn nun beginnt der Countdown.

Mit viel Getröte und Tamtam setzen sich alle in Bewegung. Auch Trillerpfeifen sind sehr beliebt. Die Ohren klingeln vom Lärm. Nur die ganz Ehrgeizigen in den ersten drei Reihen sprinten, alle anderen beginnen im Langstrecken-Lauftrott.

Inzwischen kündigt sich der Sonnenaufgang an, was die Gefahr, durch Schlaglöcher oder Gegenstände auf dem Weg zu stolpern, deutlich verringert. Bereits nach wenigen Minuten wird es ruhig, sehr ruhig. Die Straßen sind breit und abgesperrt, also hat jeder genügend Platz. Das heißt: Man kann das Gehirn ausschalten, ruhig dahintraben und genießen. Anstrengend wird es erst im letzten Drittel der Distanz.

Wenn es hell geworden ist, ist ein Phänomen zu beobachten, das ich in Europa nicht gekannt habe: nasse Fußabdrücke ohne Regen oder Pfützen. In Thailand genügen die Luftfeuchtigkeit und das Schwitzen der gut hydrierten Laufgemeinde. Das Wasser läuft in Strömen den Körper hinab bis in die Schuhe und dann auf die Straße.

Die Wege führen über Nebenstraßen und Feldwege in einem großen Kreis zurück zum Tempel. Gegen Ende wird es schwer, aber machbar. Falls eines von beidem nicht zutrifft, hat man sich die Strecke falsch eingeteilt. Wer diese Läufe kennt, genießt es, für die letzten Kilometer einige Kräfte übrig gelassen zu haben. So kann man im Morgenlicht andere überholen und an den Fotostationen sogar kurzfristig große Schritte machen und lächeln.

Ein frommer Spruch statt Werbung auf dem Laufshirt.

Endlich im Ziel mischen sich Freude und leichte Traurigkeit. Es ist geschafft, aber eben leider auch vorbei. Die Verpflegung ist in Thailand generell hervorragend. Oft bekommt man zwei Essensportionen aus einer riesigen Auswahl. Zudem gibt es Süßes, Obst und Getränke – vom Sportdrink bis zum Kaffee. Nach etwas Geschwätz mit Bekannten gehe ich zurück zum Auto. Nun folgt die Fahrt nach Hause, um dort die gerade erwachte Familie zu begrüßen.

Während die anderen ihr Frühstück vorbereiten, gehe ich duschen und denke daran, wie ich vor 40 Jahren am Sonntagmorgen nach Hause gekommen bin: übermüdet und verschwitzt, aber glücklich.

Im Wesentlichen hat sich also nichts geändert.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #6