Läuferleben

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Läuferleben
Irgendwo in den Alpen.

"Du und Dein Laufen!" Das sagte meine Mutter üblicherweise leicht tadelnd, wenn ich ihrer Meinung nach wieder einmal viel zu viele Kilometer unterwegs gewesen war. Sie hatte Recht, denn das Laufen und ich gehören nun schon seit fast 30 Jahren zusammen.

Anfangs war es Pflicht.

Der Sportunterricht in der Oberstufe Ende der 70er-Jahre. Unser Lehrer Herr B. war zum Leid vieler ein begeisterter Läufer. Darum begann fast jede Doppelstunde mit einem Waldlauf. Einige schlaue Mädels hatten sich angepasst und etwa dreimal pro Monat ihre Regel an genau diesem einen Tag. Die Drückeberger bei den Jungs warteten einfach kurz nach dem Start hinter den Büschen und rauchten. Sie glaubten, dass Herr B. dies nicht merkte.

Die Herde der Schäflein machte sich derweil auf die kleine Runde durchs Blomberger Gehölz. Herr B. lief vorneweg und trabte manchmal zurück, um die Langsameren zu motivieren. Ich war irgendwo mittendrin unterwegs.

Wenn die braven Mitschüler schließlich schwitzend an den Versteckten vorbei zum Ziel hechelten, reihten sich diese hinten ein. Sie kamen als Letzte an und waren die Einzigen, die nicht verschwitzt waren, aber nach Zigaretten rochen. Herr B. ließ sich nichts anmerken, sondern wartete auf den Termin der Zeugnisvergabe.

Damals merkte zweierlei. Ich bemerkte, dass mir das Laufen leichtfiel, und ich bemerkte, dass mir das Mogeln nicht lag.

Wenn du bei einem Lauf gemogelt hast und am Ziel ankommst, gibt es immer mindestens einen, der weiß, dass du den Erfolg nicht verdient hast.

In den 1980ern joggte ich als Student manchmal durch den Teutoburger Wald bei Bielefeld, weil es mir einen Ausgleich zu den Stunden im Hörsaal und am Schreibtisch bot. Oft wurde die Runde anschließend mit einem Fitnesstraining oder mit Fußball komplettiert, manchmal auch mit beidem.

So blieb es, bis ich meine erste Anstellung im Außendienst fand. Zu den unkalkulierbaren Arbeitszeiten passte das Laufen besser als andere Sportarten. Als ich bald darauf in den Innendienst wechselte, blieb ich dabei. Die Alternative, ein Fitnessstudio, probierte ich aus und stellte fest, dass weder die vielen Menschen noch die Gerüche mir gefielen. Dann doch lieber alleine in den Wald oder an die Weser. Das Laufen tat mir gut, aber die Begeisterung war auf den Kilometern rund um Hameln zunächst noch nicht mit mir unterwegs. Sie kam erst etwas später zu mir.

Der Bruno-Petzke-Gedächtnislauf in Bückeburg fand traditionell im Oktober statt. Er führte über zehn Kilometer durch den Schlosspark und die Wiesen. Im Ziel warteten Bratwürste vom Grill. Als ich die Ankündigung 1998 las, beschloss ich, mich anzumelden.

Mein erster Wettbewerb!

Am Morgen vor dem Start war ich früh wach und sah mir vom Balkon die dicken Regenwolken und die durchweichten Felder an. Eindeutig kein goldener Oktober. Okay, wenn schon ein Start als Läufer, dann auch mit allem, was dazugehören kann. Zum Start stellte ich mich vorsichtig ganz hinten auf. Alles, was dann folgte, sollte mir noch Hunderte Male passieren: Vorfreude und Nervosität, dann der Startschuss, gefolgt von Gewusel und anschließend immer entspannteres Laufen vor mehr oder weniger Zuschauern. Letzteres gefiel mir schon damals besser. Endlich – und leider – im Ziel angekommen, folgte das Ausschnaufen, bis direkt danach das glückliche Grinsen einsetzte. Bei diesem Lauf sorgten die mit dickem Matsch verschönerten Beine und die Rostbratwurst zum Frühstück für einen bleibenden Eindruck.

Das erste Mal vergisst Du nie..

Nach diesem Einstieg folgte eine Laufpause, weil ich mich in Oldenburg selbstständig machte. Es waren intensive und schöne Jahre, fast ohne Freizeit. Erst als irgendwann alles einigermaßen gut lief, begann ich wieder mit wenigen langsamen Kilometern im Bürgerbusch.

Dann wurde ein neuer Lauf angekündigt. Der erste "Everstener Brunnenlauf" sollte am 3. Juni 2001 stattfinden. Eine neue Veranstaltung, die inzwischen schon lange ein Traditionslauf ist. Das Rennen führt auf Wanderwegen durch das kleine Eversten Holz. Nach Jahren der Pause begann ich erstmals wirklich für einen Wettbewerb zu trainieren.

Alles lief gut und machte Appetit auf mehr.

Schon während des Studiums hatte ich bemerkt, dass meine Ausdauer überdurchschnittlich war. Nun wollte ich folgerichtig möglichst bald einen Halbmarathon laufen. Aber erst einmal ließ ich mir ein Jahr mit weiteren Wettbewerben Zeit, bis ich mich 2002 für den Wardenburger Halbmarathon anmeldete. Diesen kleinen, aber feinen Lauf vor den Toren Oldenburgs schloss ich sofort in mein Herz. Es gab nur wenige Starter, und alles war familiär aber zugleich sehr professionell.

Zu dieser Zeit lernte ich auch den Lauftreff des Teams Laufrausch kennen. Ein entspanntes Grüppchen, das die Oldenburger Lauflegende Arnold F. um sich geschart hatte. Ich war dabei als dieses Grüppchen größer wurde und sich zu einem Verein entwickelte der schnell nicht mehr aus der Sportszene im Nordwesten wegzudenken war.

Wieder ein Jahr und einige Wettbewerbe später wollte ich meinen ersten Marathon laufen. Natürlich hatte ich mir dafür meine Lieblingsstadt Hamburg ausgesucht.

Nach vielen winterlichen Trainingskilometern gönnte ich mir zur Belohnung den ersten Urlaub seit Jahren. Zwei Tage ohne meine Läden. Endlich ging ich also an einem Freitag im April 2003 zur Abholung der Startunterlagen durch „Planten un Blomen“. Eigentlich hatte ich geplant, mit vier Stunden irgendwo im Mittelfeld ins Ziel zu kommen. Als ich mich den Messehallen näherte, sah ich immer mehr extrem fit aussehende Menschen in Laufkleidung.

Mein Vorsatz reduzierte sich schlagartig auf: einfach Erfahrungen sammeln.

Natürlich hatte ich seit Monaten alles bestens geplant. Die Ernährung, die Trinkpausen und die angepeilten Zwischenzeiten waren verinnerlicht. Trotzdem war das Lampenfieber hoch, als ich zwischen Tausenden bei dröhnender Musik fröstelnd auf den Startschuss wartete. Sobald dieser gefallen war, ging es mir von Kilometer zu Kilometer besser. Nach fast 35 Kilometern mit dem Gefühl zu rollen, wurde es plötzlich richtig hart. Der Mann mit dem Hammer setzte sich auf meine Schultern und machte jeden Schritt schwer. Er wirkte beleidigt, weil ich ihn trotzdem anlächelte, denn inzwischen war ich mir sicher, es auch mit ihm gut schaffen zu können.

Als das Ziel vor mir auftauchte war die Müdigkeit zwar nicht vergessen, aber sie war mir egal. Im Zielbereich war viel los. Laute Musik und schlurfendes Gewimmel. Einige plapperten unaufhörlich mit jedem, der vorbeikam, oder mit sich selbst. Andere brachen zusammen und wurden von Sanitätern aus dem Weg geräumt.

Nachdem ich dem Gedränge und dem Lärm möglichst zügig entkommen war, erholte ich mich für ein paar Stunden im Hotel. Dann begann ungeplant eine persönliche Nach-Marathon-Tradition. Ich ging am späten Nachmittag in ein griechisches Restaurant und bestellte mir einen Grillteller; mein leckerer natürlicher Proteinsnack in dieser Situation. Nein, liebe Besserwisser mit euren schicken Influencer-Videos, keine teuren, klebrigen Riegel. Es gab kein Auffüllen der Energiespeicher mit Kohlenhydraten und gesunden Beilagen. Es gab genau das, wonach mein Körper schrie. Als Vorspeise nahm ich gern den üblichen Ouzo. Die Hauptspeise verschwand schlagartig vom Teller, sobald er vor mir stand. Es war als hätte Bibi Blocksberg „Hex-hex!“ gerufen.

Merke: Rehydrierung ist nach langen Läufen essenziell!

Es war beeindruckend, wie der Ouzo auf meinen ausgehungerten Körper gewirkt hatte. Die Rehydrierung verlegte ich deshalb mit einem letzten klaren Gedanken ins Hotel. Dort gab es diverse isotonische Biere, Kartoffelchips und Schokolade. - Ein Läuferleben kann beinhart sein.

Unscharfe Erinnerung.

Inzwischen sind über zwanzig Jahre und mehr als fünfzig Marathons vergangen; dazu Hunderte weitere Laufwettbewerbe.

Ich habe nie eine Flugreise wegen eines Laufs gemacht und trotzdem viel gesehen und erlebt. Ich habe nie vor oder während eines Laufs Schmerzmittel genommen, obwohl das nicht illegal ist. Ich habe einen einzigen Lauf abgebrochen, aber das bereits nach 300 Metern. Ich bin manchmal gestürzt, aber nie schwer. Und obwohl ich kein Gedränge mag, stehe ich immer noch gern im Startblock.

Erinnerungsfetzen:

Neunzehn Ultraläufe und viele Trails in den Alpen. Besonders die Rennsteig-Ultras und die Trailläufe mit wunderbaren Ausblicken in den Bergen sind mir im Gedächtnis geblieben.

Im SWR gibt es Videos der Serie „Eisenbahn-Romantik“.

So ähnlich erinnere ich mich an längere Passagen solcher Läufe.

Zum Lächeln bringen mich aber hauptsächlich andere, kleinere Ereignisse, die ich zum Teil nicht einmal mehr einem bestimmten Lauf oder Jahr zuordnen kann.

Im Siebentischwald bei Augsburg musste ich einmal bei einem Lauf im frühen Morgenlicht einen großen Schritt machen, um nicht auf einen dünnen Ast zu treten. Weil mir etwas aufgefallen war, dreht ich mich um und sah mir an, was es gewesen sein konnte. Der Ast war eine Ringelnatter. Sie lag gerade und regungslos wie ein Zeigestock. Nachdem sie mir intensiv und erfolgreich suggeriert hatte, dass sie völlig uninteressant und ausserdem keine Schlange sei, lief ich lächelnd weiter.

Nun ein etwas größerer Fetzen.

2017 gab es im Rahmen des einwöchigen Transalpine Run das Angebot nur die ersten zwei Etappen als Zweierteam zu laufen. Obwohl ich generell am liebsten alleine laufe, wollte ich endlich das Abenteuer Teamlauf wagen. Auch wenn es nur die ganz kurze Version war, sie hatte es in sich. Die erste Etappe ging über etwa 44 km und 2.400 Höhenmeter von Garmisch-Partenkirchen nach Nassereith. Am Abend vor dem Start traf ich dort meine Laufpartnerin Christina. Wir hatten uns über die Startplatzbörse kennengelernt und waren noch nie zusammen gelaufen. Christina war in einem solchen Wettbewerb unerfahren, ich hatte die Erfahrung. Ich war wegen gesundheitlicher Probleme schlecht vorbereitet und genau so alt wie ihr Vater, sie war jung und fit. Das hörte sich nach einem Team an in dem sich die Partner gut ergänzen können.

Die erste Etappe war extrem anstrengend, weil zu der Distanz und den Höhenmetern der durch Regen aufgeweichte Boden einen hohen Preis forderte. Alle Teilnehmer waren spätestens nach der halben Distanz am Anschlag. Nach siebeneinhalb Stunden waren wir total ausgepumpt im Ziel. Die Abendveranstaltung verließ ich früh um schlafen zu gehen. Am nächsten Tag sollte es über 27 Kilometer und 1.500 Höhenmeter nach Imst gehen. Vier Stunden lang konnte ich wegen Krämpfen nicht einschlafen. Meine Beine waren immer wieder komplett versteift. Wenn man minutenlang vorne und hinten gleichzeitig Krämpfe hat, ist das Dehnen eine unmögliche Herausforderung. Das Schlimmste was ich in dieser Hinsicht je erlebt habe. Bei einem Sololauf hätte ich mit Sicherheit aufgegeben. Schließlich taten die Salztabletten und die Müdigkeit ihr Werk und ich konnte endlich für ein ein paar Stunden schlafen.

Am nächsten morgen ging es mir unerwarteter Weise gut genug um mich startbereit aufzustellen. Ein Hauch von Zuversicht stellte sich ein. Zunächst liefen wir sehr langsam auf engen Wegen bis zu einem fast 6 Kilometer langen Anstieg mit fast 900 Höhenmetern. Fast jeder machte immer wieder halt, um zu verschnaufen. Christina ging es gut und ich war perplex, denn ich fühlte mich mit jedem Kilometer besser. Als wir oben ankamen machten wir eine kurze Bestandsaufnahme und wussten, dass der Rest zwar noch lang aber relativ leicht war. Wir fühlten uns gut genug um ein lockeres Tempo über die Almen und Waldwege ins Auge zu fassen.

An der vorletzten Verpflegungsstation schmiedeten wir einen Schlachtplan. Christina hat am Vortag herablassende Kommentare des knapp vor uns platzierten Mixed-Teams gehört und schlug vor zu versuchen sie zu überholen. Ich mochte die Idee und bat sie mir das Tempo zu überlassen. Zudem füllten wir unsere Mägen und die Wasserflaschen randvoll. Denn wir gingen kalkuliert ins Risiko und würden die letzte Verpflegungsstation entgegen aller Laufregel auslassen.

Mit Zuversicht und Mut ging es weiter. Es machte uns Freude ein geheimes selbstgesetztes Ziel zu verfolgen. Das Team unserer Opfer lag in der Gesamtwertung knapp vor uns. Es würde ihnen reichen etwa zeitgleich mit uns ins Ziel zu kommen. Aber wir wurden langsamer und ließen sie an uns vorbeiziehen und hängten uns mit leichtem Abstand dran. Als die letzte Verpflegung nicht mehr weit war, legten wir Tempo zu, und zwar richtig. Es ging zum nächsten Stopp, dachten die anderen und behielten uns deshalb aus der Entfernung im Blick. Wir stoppten aber nicht und stürmten bergab. Plötzlich waren wir für sie unerreichbar. Das hofften wir zumindest. - Wir behielten Recht und erreichten glücklich das Ziel in Imst.

Danke Christina! Es war mir eine unvergessliche Freude.

Zur Osterzeit lief ich einmal von Ehrwald aus so lange bergauf, bis ich Schnee unter meinen Schuhen hatte. Kurz danach waren die tiefen Wolken nah über meinem Kopf und ich sah hinab ins sonnige Tal.

Der Kopf in den Wolken mit dem Frühling im Blick.

Bei einem Lauf südlich von Seefeld ging es zunächst über eine Skipiste lange und steil bergauf. Oben gab es Verpflegung und ein kurzes Durchschnaufen, bevor es auf einem schmalen Trail durch Latschenkiefern bergab ging. Talwärts bot sich ein wunderbarer Ausblick in die Ferne. Kurz vor mir das Kontrastprogramm. Die Schwerkraft trug einen großen und schweren Läufer wenig elegant aus einer Kurve und direkt in die Latschenkiefern. Er hing dort mit dem Rucksack verhakt, alle viere von sich gestreckt wie eine Schildkröte in Rückenlage. Das verursachte doppeltes Gezerre. Mein Versuch, ihn zurück auf den Weg zu zerren, bescherte mir eine Leistenzerrung, wie ich später feststellen musste.

Eine länger als geplante Geschichte:

Interessant wird es, wenn man sich verläuft. Ein langer Lauf mit 22 Kilometern sollte mich von Ehrwald aus hinauf bis zur Coburger Hütte bringen und von dort in einem großen Bogen um die Sonnenspitze zurück zur Pension. Insgesamt etwa 1.700 Höhenmeter, machbar.

Zunächst lief alles wie geplant. Es ging früh morgens lange bergauf, und andere Menschen waren nur noch selten zu sehen. Bald lief ich am steinigen Ufer des spiegelglatten Seebensees entlang und stieg dann holprig hinauf zur Hütte, wo ein Apfelstrudel auf mich wartete.

Nach etwa zwölf Kilometern und knapp 1.000 Höhenmetern war die erste Zwischenstation erreicht. Die Stärkung war nötig, denn eine erste Müdigkeit setzte ein, und nun standen zwei steile Kilometer mit 400 Höhenmetern an. Es ging über Geröll am Drachensee vorbei und mit brennenden Oberschenkeln weiter hinauf zur Grünsteinscharte. Ich musste immer wieder kleine Erholungspausen einlegen. Bei blauem Himmel wirkte selbst diese karge Landschaft unglaublich.

Blick von der Grünsteinscharte auf den Drachensee, die Coburger Hütte und die Sonnenspitze.

In der Scharte traf ich eine Wandergruppe aus Ulm. Alle offenbar bergerfahren und wie ich gut gelaunt und bestens ausgerüstet. Wir alle waren wegen der bisherigen Anstrengungen und wegen der dünnen Luft atemlos. Aber vielleicht war es auch nur der schwindelerregende Ausblick in 2.300 Metern Höhe.

Wer hier unterwegs ist, sollte wissen, was er tut, und entsprechend bergtauglich ausgestattet sein. Hierzu passend begegnete mir wenige Minuten später eine junge Frau in schicken Sandaletten und ohne jedes Gepäck. Perfekt für einen kleinen Spaziergang auf der Strandpromenade.

Da es in den folgenden Tagen keine Vermisstenmeldungen in den Medien gab, gehe ich davon aus, dass sie es wundersamerweise zurückgeschafft hat. Oder niemand hat sie vermisst.

Typische Sandalettenpromenade.

„Wie kann man nur so unterwegs sein?! Wer hier unterwegs ist, sollte so vorbereitet sein, dass er keine unangenehmen Überraschungen erleben sollte.“ – dachte ich kopfschüttelnd.

Ich hatte die zu dem Zeitpunkt noch fröhliche Arme schnell passiert, denn es ging nun bergab. Noch vier Kilometer bis zum nächsten und letzten Stopp. Schon einen Kilometer weiter wollte ich nach rechts abbiegen; ein letzter Anstieg am Höllkopf vorbei zur Marienbergalm. Dort sollte mein zweiter Snack vor dem zügigen Abstieg zurück nach Ehrwald stattfinden. Bei nachlassenden Kräften hauptsächlich bergab und nicht mehr so weit. Ein guter Plan.

So weit, so gut.

Die dann folgenden Ereignisse in Stichpunkten:

  • Mit steilem Gefälle über Geröll abwärtsgedüst und dazu passend nach 2 km den Abzweig verpasst. Erst 500 Meter weiter, steil bergab, am Lehnberghaus mit mittlerweile zitternden Beinen zum Halten gekommen.
  • Dort aus Faulheit die Entscheidung getroffen, nicht wieder zum Abzweig zurückzugehen. Die 700 Höhenmeter abwärts auf den 2,5 Kilometern hatten mein Gehirn und meine Kräfte überfordert. Ich war in jeder Hinsicht leer. Also entschloss ich mich, mit den letzten Kräften 4 km weiter talwärts zu laufen, weil es dort einen Bus nach Ehrwald geben sollte.
  • Im Tal festgestellt, dass an diesem Tag kein Bus mehr fuhr.
  • Ein endlos erscheinender Anstieg von 4,5 km auf einem langweiligen Wirtschaftsweg hinauf bis zur Marienbergalm. Ich hatte immerhin den Trost, etwas zu erleben, das mich so stark beeindruckte, dass ich es wohl nie vergessen würde.
  • Auf der Alm war ich endlich zurück auf der geplanten Route. Nach der Einkehr war der Zeitpunkt erreicht, an dem ich nicht mehr einfach erlebte, sondern mich selbst beobachtete. Zuerst bemerkte ich ein unklaren Blick, wie beim Schielen. Dadurch hatte sich ein leichtes Schwindelgefühl eingestellt. Nach einem leichten Frösteln saß ich plötzlich neben mir. Zeit für die entsprechende Erzählperspektive.

Der müde Läufer hatte irgendwann die allerletzten Kräfte gesammelt und für das letzte Geld eine viel zu kalte Apfelschorle getrunken. Er würde sich nun einen weiteren Kilometer steil bergauf schleppen.

Verschwitzt und stinkend würde er einen kurzen Stopp auf dem Marienbergjoch machen. Er wusste noch nicht, dass dort dutzende Touristen unterwegs sein würden. Sie waren zuvor per Lift auf den Berg gekommen. Der Läufer würde sie nicht wahrnehmen. Er würde geistesabwesend die Aussicht genießen und Kräfte sammeln, von denen er nie geahnt hatte, dass er sie noch besaß. Seine aller-allerletzten Kräfte.

Plötzlich schreckte ihn ein Segelflieger auf, der dicht über seinem Kopf vorbeizischte. Staksig raffte er sich auf und ignorierte dann die Wanderwege, während er schnurstracks drei Kilometer über Wiesen und Pferdekoppeln bergab nach Biberwier stolperte. Die 800 Höhenmeter kamen ihm vor wie im Traum. Ein freier Fall auf weichem Almgeläuf.

Unten angekommen, rief der Verirrte mit rauer Stimme seine Frau an und bestellte sich zwei große alkoholfreie Biere, damit sie bei seiner Ankunft weder kalt waren noch Kohlensäure enthielten.

Inzwischen gefühllos schleppte sich die Gestalt vier sehr lange Kilometer zurück nach Ehrwald. Mit den aller-aller-allerlet ... – ach, lassen wir das.

Aus 22 Kilometern mit etwa 1.700 Höhenmetern waren mehr als 30 Kilometer mit etwa 2.300 Höhenmetern geworden. Eigentlich kein so großer Unterschied.

Wenn man sich aber die Kräfte falsch eingeteilt hat und das erst merkt, wenn man plötzlich noch viel mehr als erwartet vor sich hat, lernt man einiges.

In ihrer Pension schaffte es die heimgekehrte Seele tatsächlich gemeinsam mit dem Rest ihres Körpers die Treppe bis zu den Bieren in der zweiten Etage hinauf zu erklimmen. Fünf weitere Höhenmeter.

Schließlich:

Ja, das Laufen ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens; aber nein, es ist nicht der wichtigste.

Ja, ich habe auch Preise gewonnen und Pokale bekommen. Inzwischen freue ich mich aber mindestens genau so, wenn ich nach dem Lauf nicht auf die Zeremonie warten muss, sondern zügig nach Hause kann.

Mit dem Laufen ist es wie mit dem gesamten Leben. Es kann viel Freude bereiten, wenn man die richtige Einstellung hat. Wer immer mehr erreichen möchte als andere, macht kaputt, was er genießen könnte.

Wenn du gemogelt hast und ein Ziel erreichst, gibt es immer mindestens einen, der weiß, dass du den Erfolg nicht verdient hast: 

dich selbst.

Klassische Powerriegel. Irgendwo in den Alpen.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Lebenswert #1