Der Sonntagsspaziergang

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Der Sonntagsspaziergang
Die Martin-Luther-Kirche in Blomberg, Lippe.

In den 1960er Jahren war jeder Sonntag ein besonderer Tag, denn nur er war arbeitsfrei. Samstags war bereits mittags Feierabend, aber der Nachmittag verging schnell. Alles, was während der Woche liegen geblieben war, wurde erledigt. Der Sonntag war für Erholung und Familie reserviert. Während einige sich in der Frühe schick machten, um zur Kirche zu gehen, stand bei uns der Sonntagsspaziergang auf dem Programm.

Die Eltern meines Vaters waren als Flüchtlinge in unsere Kleinstadt gekommen, als meine Tante ihren Blomberger Ehemann kennenlernte. Nun wohnten alle in der oberen Bahnhofstraße. Wenn mein Vater seine Eltern sehen wollte, war das also nur am Sonntag und mit einem Spaziergang möglich. Als wir irgendwann unser erstes Auto anschafften, fand die Wanderung nur dann auf vier Rädern statt, wenn es viel zu transportieren gab.

Der kurze Spaziergang begann am Feuerwehrhaus an der Neuen Torstraße. Während meine Mutter mit der Schürze über der Sonntagskleidung die Nudelsuppe und den Braten vorbereitete, machte sich mein Vater mit meiner großen Schwester und mir auf den Weg.

Wir gingen an der Bäckerei Null (später Stock) vorbei die Jahnstraße hinauf. Oben bogen wir bald nach rechts ab, denn wir wollten über den Hagenplatz gehen. Dort steht immer noch eine unserer Kirchen. Meine Mutter und meine Schwester gehörten zur evangelisch-reformierten Kirche, während mein Vater und ich lutherisch getauft waren.

Die Mitte der 50er Jahre im Stil der Nachkriegsmoderne gebaute Kirche strahlte weiß, aber lutherisch schlicht im Sonnenlicht. Auch drinnen wurde bewusst auf Prunk und Dekor verzichtet. Oft riefen die Glocken gerade dann zur Andacht, wenn wir vorbeikamen. Ihr lauter Klang fuhr durch unsere Körper.

Der Kirche schräg gegenüber gab es zwei kleine Läden: zum einen den Milch- und Käseladen Brannolte und zum anderen den Fischladen Koch. Innen waren beide weiß gefliest. Den Milchladen besuchten wir fast nie, denn der Besitzer hatte auch einen Bulli, der täglich eine Runde durch die Stadt fuhr. Wenn der Milchwagen klingelte, bedeutete das: schnell die bereitstehende Kanne greifen und mit dem abgezählten Geld zum Einkauf.

Der Fischladen war etwas Besonderes. Im Lipperland kamen Fische selten auf den Tisch und solche aus dem Meer noch seltener. Drinnen warteten die frischen Freunde in einem mit Eis gefüllten Becken auf Kunden. Auch bei uns gab es nicht oft Fisch; wenn überhaupt, dann freitags. Die üblichen Alternativen waren panierte Filets oder Matjes in Sahnesoße. Das Lipperland ist für Kartoffeln, Kohl und Schweinefleisch bekannt, nicht für Exotisches aus dem Meer. Muscheln oder Krebse kannten wir damals nur aus dem Fernsehen.

Wir gingen nun die Hagenstraße hinunter. Gleich zu Beginn, ganz oben links, war ein Spitz zu Hause. Er durfte frei laufen und lauerte in einer schmalen Gasse, um Passanten überfallartig durch lautes Gebell zu erschrecken. Wenn dieses Hindernis überwunden war, ging es vorbei an den Schlachtern Reese und Rieke. Kurz danach waren wir schon bei der Gärtnerei Koch. Direkt gegenüber gab es mit Hartfelder den dritten Metzgerladen in der nur 250 Meter langen Straße.

Als wir endlich die damals noch junge Nelkenapotheke passierten, konnten wir schon unser Ziel sehen.

Bei meiner Tante wurden wir immer freundlich begrüßt. Nachdem die wichtigsten Neuigkeiten der vergangenen Woche ausgetauscht worden waren, stiegen wir die Treppe zu Oma und Opa hinauf. In ihrem kleinen Wohnzimmer stand rechts vor dem Fenster der Sessel meines Großvaters. Er konnte von diesem Platz aus bis zur Bahnhofstraße sehen. Wir setzten uns auf das Sofa. Während mein Vater mit seinen Eltern redete, bekamen meine Schwester und ich ein paar Süßigkeiten, damit es uns nicht so schnell langweilig wurde. Wir aßen also die immer gleichen Schokolinsen in Pink und Weiß oder kleine Schokoringe mit winzigen Zuckerperlen.

Langweilig wurde es uns natürlich trotzdem, aber immerhin etwas angenehmer.

Als wir uns auf den Heimweg machten, hatten wir schon Hunger. Darum nahmen wir die Abkürzung durch die Renntwete. Nur wenn hier im Herbst Bucheckern und Kastanien auf dem Boden lagen, machten wir kurz Halt. Die Straße war dann auf Höhe des ehemaligen Getränkelagers mit den Früchten bedeckt.

Nun aber schnell den kleinen Berg hinauf und wieder hinunter zur Neuen Torstraße. Zuhause wartete das Sonntagsessen, und zum Nachtisch gab es immer eine spannende Verlosung. Meine Mutter machte dafür vier verschieden große Portionen und vier Lose für die Mitspieler.

Wer würde diesmal die größte Portion grünen Wackelpuddings mit Vanillesoße gewinnen?

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Blomberg #5