Ein spezielles Zuhause

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Ein spezielles Zuhause
Ein Uwe Seeler Fan im Jahr 1964 hinter der Feuerwache an der Neuen Torstrasse.

„Neue Torstraße 110“. Hier ist heute nichts mehr.

Dort stand das Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr von Blomberg in Lippe. Dort wurde ich geboren.

Von der Seite gesehen sah das schlichte graue Haus aus den frühen 50er-Jahren wie ein riesiger, zu eckig geratener Wanderschuh aus. Das Erdgeschoss beherbergte die Räume der Feuerwehr. In der großen Garage standen vier Magirus-Deutz-Lkw und ein Bulli. Die zwei großen Holztore der Ausfahrten zeigten direkt zur Straße, um einen schnellen Start zu ermöglichen. Zwischen den Toren war jahrelang ein kleiner Gardinenladen zu Hause.

Hinten gab es den höheren Gebäudeteil mit insgesamt drei Wohnungen in der ersten und zweiten Etage. Wir wohnten im ersten Stockwerk: meine Eltern, meine große Schwester und ich.

Rechts vom Haus führte ein Kiesweg in den Hinterhof. Dort ging man direkt an der Hauswand entlang auf einem schmalen Weg aus Betonplatten bis zur Haustür. Durch die ebenerdigen Fenster konnte ich damals vom Weg aus den großen Tankwagen der Feuerwehr in der Garage sehen, allerdings nur, wenn ich auf den Zehenspitzen stand. Er war rückwärts eingeparkt und wartete startbereit mit seiner Nase nur einen halben Meter vor dem Tor der Ausfahrt.

Dann kam die Haustür, durch die man zu den Wohnungen gelangte. Einige Steinstufen führten zur Tür aus dunklem Holz mit rautenförmiger Verzierung. Drinnen wartete ein winziger Flur mit gefliestem Boden, ebenfalls mit Rautenmuster. Rechts ging es in den Übungsraum der Feuerwehrkapelle. Geradeaus stieg man auf einer polierten Treppe aus dunklem Holz in die erste Etage. Es gab auf beiden Seiten Handläufe, denn die Stufen waren glatt. Die ausführliche Geschichte, wie meine Mutter auf halber Höhe ausrutschte und auf ihrem Hinterteil, jede Stufe mitnehmend, hinunterratterte, erspare ich uns an dieser Stelle. Sie wurde aber zur allgemeinen Heiterkeit regelmäßig bei Familienfeiern erzählt.

Oben wartete der kleine Tisch mit dem schwarzen Telefon, der Treppe direkt gegenüber. Telefonnummer 376 – damals genügten drei Zahlen in unserer Kleinstadt. Wenn es klingelte, hörte man oft zeitgleich die Alarmsirenen der Stadt, denn dann gab es irgendwo ein Feuer und es ging um Minuten. Meistens war meine Mutter als Erste am Telefon, um die Mitteilung über den Brandort und die Größe des Notfalls entgegenzunehmen.

Der kleine Flur der ersten Etage hatte einen dunklen Holzboden, auf dem dekoratives Linoleum lag. Es roch nach Bohnerwachs. Nach links ging man zur Wohnung unserer Nachbarn und zum gemeinsamen Badezimmer der zwei Mietparteien auf diesem Stockwerk. Dort gab es eine Toilette, eine Badewanne und die dazugehörige holzbefeuerte Therme. Das genügte für zwei Familien mit insgesamt sieben Personen.

Von der Treppe aus kam man nach rechts zu unserer Wohnung. Eine weitere Treppe führte hinauf zur Waschküche. Für die Jüngeren: Das ist eine Waschmaschine als Raum – krass uncoole Do-it-yourself-Technik. Außerdem gab es dort eine kleine Wohnung und ein separates Zimmer.

Hinter unserer Wohnungstür wartete direkt die Wohnküche. Gleich links war die kleine Speisekammer, in der vieles gelagert wurde, was wir heute in den Kühlschrank oder in den Keller stellen würden. An der linken Küchenwand befanden sich die Spüle und der Küchenherd. Er wurde mit Holz beheizt, war weiß emailliert und hatte ein kleines Backrohr. Außerdem gab es Schränke für die Küchenutensilien. Geradeaus standen der Esstisch mit Stühlen und ein Sofa.

Dahinter, der Wohnungstür direkt gegenüber, war das Küchenfenster. Es zeigte zum Hinterhof mit den Garagen und zu dem dahinterliegenden Rasen mit Obstbäumen und Beerensträuchern. Dort wurde die Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Natürlich gab es auch ein kleines Blumenbeet mit Tulpen, Bartnelken und „Tränenden Herzen“.

Rechts, direkt neben dem Sofa, ging es von der Küche ins Wohnzimmer mit Radio und später sogar Schwarz-Weiß-Fernseher. Daneben lag das Schlafzimmer mit dem Ehebett und den Betten für die Kinder. Vom Schlafzimmer aus zeigte ein Fenster auf das große Dach der Feuerwehrgarage. Auf der Dachpappe konnte man es sich im Sommer zum Sonnen gemütlich machen.

Im Winter wuchsen am einfach verglasten Küchenfenster Eisblumen, und ich spielte meist drinnen mit kleinen Plastikfiguren – Cowboys und Indianer oder Ritter gegen beide. Da die Indianer meist die Unterlegenen waren, wurden ihre spärlichen Waffen durch einen schnell herbeigerufenen Panzer ergänzt.

Im Sommer war der Hinterhof mein Spielplatz. Dort wurde ein Plastikball an die Garagentore getreten, bis aus den darüberliegenden Wohnungen Protest kam. Dann musste Uwe Seeler eine Pause machen. Zur Stärkung gab es Eierpflaumen oder saure Äpfel direkt von den Bäumen sowie die ebenso sauren Stachel- und Johannisbeeren.

Wenn die Sirenen der Stadt den Feueralarm heulen ließen, begann das Abenteuer. Meine Mutter ging schnell in die Räume der Feuerwehr, um die Türen für die herbeieilenden Feuerwehrleute zu öffnen. Natürlich durfte ich nicht im Wege stehen, aber aus den Fenstern und von der Hausseite aus konnte ich beobachten, wie die Freiwilligen ankamen. Bei der Arbeit hatten sie alles stehen und liegen gelassen und kamen nun zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Alle waren aufgeregt und in höchster Eile. Sie sprangen in ihre dunkelblauen Overalls und befestigten ihre breiten schwarzen Lederkoppel, an denen sich viele Ösen und ein kleines Beil befanden. Dann fehlten nur noch die Gummistiefel und der Helm mit seinem ledernen Nackenschutz.

Sobald alle bereit waren, ging es los. Die Lkw ließen dröhnend ihre Dieselmotoren an, während die Tore geöffnet wurden. Gleichzeitig hielten einige Feuerwehrleute den Verkehr auf der Neuen Torstraße an. Dann donnerten sie vor den Augen der Anwohner davon. Alle waren angespannt, denn sie wollten helfen, so schnell es ging.

Meine Mutter schloss nun die großen Holztore, und ich hörte die Martinshörner langsam leiser werden und hatte für eine Weile das Interesse an Cowboys und Rittern verloren.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Blomberg #1