Morgenglück

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Morgenglück
Das Sportstadion der Thai Navy kurz vor dem Sonnenaufgang.

Manchmal trainiere ich im Fußballstadion der thailändischen Navy. Ein großer Bau aus der Zeit, als der Verein noch in der ersten Liga spielte. Das ist zwanzig Jahre her, was man an vielen Stellen beobachten kann.

Während ich dort bei Sonnenaufgang meine Runden laufe, sehe ich oft einen älteren Mann.

Sein Körper versagt ihm scheinbar schon lange ein intensives Training, aber er ist sportlich gekleidet. Sein Trikot mit Rückennummer ist ihm inzwischen zu eng geworden. Die Fußballschuhe sind sauber und sorgsam gepflegt.

Der Mann fährt mit seinem Moped bis neben die Laufbahn. Dann nimmt er seinen glänzenden gelben Fußball und seine Wasserflasche und setzt sich auf eine Trainerbank. Von dort betrachtet er das fast leere Stadion und den gut gepflegten Rasenplatz im ersten Morgenlicht.

Ein ungeschriebenes Gesetz für solche Stadien besagt, dass der Rasen nur von den offiziell trainierenden Mannschaften mit Stollenschuhen betreten werden darf. Jeder hält sich daran, egal ob aus Rücksicht auf den Verein oder weil man auf dem Platz für eventuell auftauchende Kontrolleure natürlich bestens sichtbar ist.

Der Mann trägt zwar Stollenschuhe, aber alle kennen ihn und wissen, wie er sich auf dem heiligen Rasen verhalten wird.

Irgendwann erhebt sich der ehemalige Sportler, nimmt seinen Ball unter den Arm und geht langsam auf den Rasen. Dort beginnt er behutsam, die Kugel vor sich über den Platz zu führen. Er geht Richtung Tor und wieder zurück. An guten Tagen folgen zwei oder drei zaghafte Schüsse.

Bereits nach wenigen Minuten ist der Zauber vorbei. Am Spielfeldrand nimmt der alte Mann den Ball wieder unter den Arm, geht zurück zur Bank, setzt sich und schöpft Atem.

Es vergeht einige Zeit, in der er, in Gedanken versunken, den Fußballplatz betrachtet und Wasser aus seiner Flasche nippt.

Schließlich sehe ich, wie der glänzende Ball und die Wasserflasche verstaut werden und wie ein glücklicher Mensch aus dem Stadion fährt.

Auf dem Heimweg hält er bei einem Tempel, um seine Frau mit nach Hause zu nehmen. Sie hat dort in der Zwischenzeit Speisen für die Mönche abgegeben und gebetet. Solche guten Taten machen glücklich und zuversichtlich für die Zukunft. Gesundheit und Familie – beides ist alten Menschen besonders wichtig, egal wo sie leben. Und wer weiß, vielleicht kommen bald wieder die Enkelkinder zu Besuch, und vielleicht kann unser Sportler bald wieder fitter unterwegs sein.

Die beiden machen noch einen kurzen Einkauf bei einem Imbiss am Straßenrand. Heute wird es Reissuppe und gegrilltes Hähnchenfleisch mit Klebreis zum Frühstück geben.

Danach wartet leichte Hausarbeit, aber erst, nachdem der Ball und die Schuhe gereinigt wurden.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #5

Epilog:

Acht Monate später: Der Mann kommt inzwischen mit dem Auto zum Stadion. Es geht ihm so gut, dass er den ganzen Weg vom Parkplatz bis zum Rasenplatz gehen kann.

Seine Ruhepausen auf der Bank sind kürzer geworden. Auf dem Platz kann er zwar noch nicht laufen, aber er geht zügig und wagt manchmal sogar ein paar Trippelschritte.

Und: Der gelbe Ball freut sich, denn er darf wieder im Tornetz zappeln – wenn auch nur durch vorsichtige Schüsse aus kurzer Distanz.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #5a