Neue Menschen

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Neue Menschen

Für uns alle begann Ende 2021 ein neuer Lebensabschnitt: Wir wanderten nach Thailand aus.

Unser großer Sohn war bereits aus dem Haus, um schon in jungen Jahren eine Familie zu gründen. Unsere Tochter, damals fast 13 Jahre alt, hatte in diesem schwierigen Alter Probleme, sich in der neuen Umgebung heimisch zu fühlen.

Die anstrengenden Jahre der Pandemie waren fast vorbei, und auch die Auswanderung nach Thailand war endlich geschafft. Ein Berg aus Stress und Belastungen lag hinter uns. Plötzlich gab es Ruhe und Zeit im Übermaß. Eine neue Aufgabe würde uns guttun. So entschlossen wir uns, möglichst bald ein kleines Mädchen zu adoptieren.

Die Kleine war goldig. Anfangs bestaunte sie uns neugierig mit großen Kinderaugen, sobald sie uns wahrnahm. Vertrautheit und Liebe wuchsen schnell. Aus Vertrautheit wurde bedingungsloses Vertrauen. Wir taten alles, damit es ihr gut ging, und fühlten uns dabei glücklich und beschwingt – wie neue Menschen.

Im Handumdrehen gehörte das kleine Mädchen bereits seit anderthalb Jahren zur Familie. So viele schöne Erfahrungen.

Weil das Glück wächst, wenn man es teilt, entschlossen wir uns zu einer weiteren Adoption.

"Liebe ist frei -, sie wählt das Ärmste und Hilfsbedürftigste am liebsten" (Novalis)

Unsere zweite Adoptivtochter kam aus einem schwierigen Umfeld. Unberechenbare Menschen hatten sie ängstlich und scheu gemacht. Durch mangelhafte Ernährung war sie zudem klein und schwach. Also kümmerten wir uns besonders fürsorglich um sie. Trotzdem wäre sie schon nach wenigen Tagen in unserer Familie beinahe an einer schweren Infektion gestorben. Die Ärzte machten uns wenig Hoffnung. Die Kleine stand unter ständiger Beobachtung, und einer von uns war immer in ihrer Nähe. Mit großen Augen sah sie uns an, wenn wir ihr ihre ungeliebte Medizin gaben. Schlaflose Tage des Bangens. Nach einer unruhigen Woche voller Sorgen ging es unserem Kind langsam besser, und wir wussten, dass sie es schaffen würde. Was für ein Start in ihr neues Leben.

Die Kleinste und ihre etwas größere Schwester wurden schnell unzertrennlich. Beide haben braune Augen. Die jüngere Schwester blickt damit hellwach und manchmal mit scheinbarer Empörung, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Ein typischer Blick der Großen ist der aus dem Augenwinkel zu uns hinauf, oft mit einem leichten Lächeln. Wir lächeln glücklich über beide.

Zwei sehr unterschiedliche Charaktere, die sich auch äußerlich deutlich unterscheiden. Die Große ist schlank, fast zierlich, mit hellbraunem Haar – ein Reh am Waldrand. Sie ist wachsam, aber ruhig, ganz die freundliche Herrin der Situation. Unsere Kleinste ist schwarzhaarig und kräftig, ohne dick zu sein. Eine unruhige Sprinterin vor dem Start. Sie ist voller Kraft und Energie, aber einen Rest ihrer Ängstlichkeit wird sie wohl für immer im Herzen tragen.

Inzwischen sind beide Mädels seit Jahren bei uns und werden sich trotz der genannten Gegensätze immer ähnlicher. Das soll ja auch bei lange verheirateten Ehepaaren so sein. Warum also nicht auch bei ihnen?

Hunde sind eben auch nur Menschen.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #2

Am Tag der Adoption
Am Tag der Adoption.