Nur geträumt
In Träumen kann alles passieren. Es kann fantastische Wesen geben und unglaubliche Ereignisse. Andererseits gibt es Träume, die fast real wirken. In ihnen sind es nur Kleinigkeiten, die nicht wahr sein können. Was für mich in jedem Traum fehlt, ist das Erstaunen, das Gefühl, dass etwas auf keinen Fall so geschehen kann. Seltsame Kleinigkeiten akzeptiere ich ebenso wie das Unmögliche. Selbst bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen mir im Traum bewusst ist, nur zu träumen, bleibe ich selbst bei den außergewöhnlichsten Ereignissen ohne jede Verwunderung.
Beim Aufwachen verschwinden Traumbilder meist, bevor wir sie bewusst wahrnehmen. So ging es mir auch heute.
Es ist ein kalter Novembermorgen in Süddeutschland. Wie üblich habe ich unter der dicken Decke geschlafen, denn wir lassen mindestens ein Fenster geöffnet, solange es keinen Frost gibt. Die frische Morgenluft ist wunderbar. Nachdem ich mich schnell warm angezogen habe, stehe ich nun halb wach und bereit zur Rasur im noch kalten Badezimmer. Zunächst tauchen nur vage Erinnerungen an meinen gerade vergangenen Traum auf. Die Bruchstücke fügen sich langsam in meinem Kopf zusammen.
Ich sitze in meinem Pickup und fahre durch die Dunkelheit. Durch das halb geöffnete Fenster strömt schwülwarme Luft herein. Im Radio singt Steven Tyler sein „Dream On“.
„Träume weiter, träume weiter, träume weiter.
Träume, bis dein Traum Wirklichkeit wird.“
Aber ich bin wach, wach und unterwegs in die Natur. Meine Hand liegt entspannt auf dem Lenkrad, denn es geht in mäßigem Tempo geradeaus. Auf meinem Handrücken sehe ich im Licht der Straßenlampen Altersflecken und frische Narben. Das ist so, weil ich alt bin und vor einiger Zeit bei einem Lauf von Straßenhunden angegriffen wurde. Sie haben sich an meinen Waden und Händen verewigt.
Ein kurzes Stutzen: Straßenhunde? Wo bin ich?
Nach kurzer Verunsicherung fällt es mir wieder ein. Natürlich, ich lebe auf einer exotischen Insel, und mein Zuhause ist ein Apartment in einer Kleinstadt am Meer. Mit einem Lächeln denke ich: „Opi wohnt klein und schlicht, aber glücklich“ – im Paradies.
Eine hohe Brücke taucht vor mir auf. Das bedeutet, dass ich gleich nach links in eine dunkle Nebenstraße abbiegen muss. Direkt in der Kurve passiere ich vorsichtig ein großes, mit schwarzem Wasser gefülltes Schlagloch, das wohl schon immer hier war. Die Pfütze in dem Loch verbirgt eine scheinbar unendliche Tiefe. Nun führt die schmale Fahrbahn durch einen dichten Wald aus Kautschukbäumen, die selbst das Fernlicht aufzusaugen scheinen. Ich blicke in den Rückspiegel. Sicherlich beobachten mich aus der Finsternis die Kreaturen der Nacht. Niemand möchte ihnen in dieser Dunkelheit begegnen.
Die Morgendämmerung beginnt, als ich wenig später auf den noch leeren Parkplatz beim großen Tempel fahre. Ein freundliches Hunderudel wartet noch schläfrig auf Menschen, die Futter bringen. Diese Gaben sind im Buddhismus normal, denn wer ein glückliches Leben möchte, sollte Gutes tun, und das mit reinen, guten Absichten. Wenn jemand das Ganze als Tauschgeschäft sieht, ist die gute Tat nur Selbstsucht. Damit verursacht man sicher kein gutes Karma, im Gegenteil. Hier gelten buddhistische Naturgesetze anstelle von göttlichen Geboten.
Als ich ankomme, blicke ich hinauf zur glänzenden Pagode auf dem Berg. Auf der Treppe, die dorthin führt, habe ich einen alten Freund vor langer Zeit zum letzten Mal gesehen. Champ, der Straßenhund, begrüßte mich dort immer, bevor ich meine morgendlichen Läufe begann. Ehemals war er groß und kräftig gewesen, ein Amboss von einem Hund. Als er irgendwann alt wurde, erschien er mir bei jedem Besuch kleiner geworden zu sein. Schließlich konnte er vor lauter Schwäche kaum noch gehen. Dann war er fort. Endgültig.
Der wehmütige Gedanke geht dahin, und gerade will ich aussteigen, da öffnet mir ein junger Mönch hilfsbereit die Tür. Es ist Champ. Er ist groß und stattlich. Seine Mönchsrobe leuchtet orange im Morgenlicht. Nebeneinander gehen wir die lange Treppe bis hinauf zur Pagode. Wir drehen uns um und blicken mit der Sonne im Rücken bis zum fernen Meer und zum Horizont. Es ist sehr ruhig. Nachdem wir uns auf die oberste Treppenstufe gesetzt haben fragt mich Champ, was ich gestern Abend gelesen habe. Eine seltsame Frage nach all der Zeit. Aber ich zucke nur mit den Schultern, denn es fällt mir nicht ein. Trotzdem lächeln wir beide weil wir wissen, dass alles gut ist.
Was für ein seltsamer Traum. Noch bin ich jung und im kalten bayrischen November. Wer weiß, was sein wird, wenn ich irgendwann alt bin? Noch schläfrig lege ich den Rasierer beiseite. Warum weiter rasieren? Es ist kalt und dunkel, und es ist Sonntag. Besser, ich gehe wieder zu Bett und schlafe noch etwas, wohlig unter der warmen Decke. Bevor ich das Licht ausmache, sehe ich neben der Lampe meinen geliebten Gedichtband von Edgar Allen Poe. Beim Einschlafen denke ich noch
„All that we see or seem / Is but a dream within a dream“
Schon wenig später werde ich von gewohnten Geräuschen geweckt. Durch die offenen Fenster höre ich aufgeregte Straßenhunde und die Stimmen von Vögeln und Geckos. Wie üblich kündigen sie an, dass bald die Morgendämmerung beginnt. Höchste Zeit, den Tag mit einem Spaziergang beim Tempel zu beginnen, bevor es zu heiß wird.
Was für ein traumhaftes Leben.
Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Thailand #4