Die Pepitajacke

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Die Pepitajacke
Im Sommer 1964 auf dem Schulhof der Grundschule Blomberg.

Die ungeliebte, dunkle Steghose, eine helle Pepitajacke mit Stehkragen und Verzierungen aus Kunstleder und dazu polierte Lederschuhe und Kniestrümpfe. So sah meine perfekte Kleidung für den ersten Schultag in den 60er-Jahren aus.

Wegen der Hitze hatte ich meine moderne, dunkelgrün karierte Kappe ausnahmsweise meiner Mutter gegeben. Auf dem Foto stehe ich neben Ralli auf dem Schulhof. Obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten, war er von diesem Tag an der beste Schulfreund meines Lebens. Wir stehen vor unseren Müttern und halten jeder eine Schultüte in der einen Hand und ein süßes Hefehörnchen mit extra Zucker in der anderen. Ralli trägt sogar einen dunklen Anzug mit Einstecktuch.

Unsere Eltern kannten sich damals schon seit Jahren, weil sie früher Nachbarn gewesen waren.

Wie es begann: Etwa zehn Jahre vor meiner Geburt war mein Vater, ein gelernter Tischler, gerade als Flüchtling aus der Kriegsgefangenschaft nach Blomberg gekommen. Schon bald arbeitete er in der Stuhlfabrik Ramm am Hellweg. Diese lag gegenüber der alten Molkerei, am unteren Ende der Straße vom Niedern Tor. Im gleichen Gebäude, direkt über Ramm, war damals eine Schuhfabrik. Dort arbeitete meine Mutter, um als ältestes Kind ihre Eltern und Geschwister finanziell zu unterstützen.

Natürlich wurden in beiden Betrieben auch Pausen gemacht. Das waren die Gelegenheiten, bei denen sich die Belegschaften der Firmen kennenlernen konnten. So begegneten sich auch meine Eltern zum ersten Mal. Es folgten Spaziergänge am Weinberg und gemeinsame Abende, an denen die beiden in der alten Turnhalle zum Tanz gingen. „In The Mood“ ist ihnen zeitlebens im Gedächtnis geblieben. Schon bald wurde geheiratet und eine gemeinsame Wohnung gesucht.

Es war 1951, und die junge Familie hatte nur noch das kleine Einkommen meines Vaters, denn meine große Schwester war unterwegs. Also wohnten die drei in zwei Zimmern mit Etagentoilette und Waschgelegenheit an der Neuen Torstraße. Rallis Familie bewohnte dort bereits die anderen Räume im Erdgeschoss. Aus Nachbarn wurden gute Bekannte, auch als meine Eltern nach ein paar Jahren ins Feuerwehrhaus umzogen.

1958 kam ich in der Feuerwache zur Welt und ging ab 1964 von dort aus zur Grundschule. An dem weniger als einen Kilometer langen Schulweg wohnte Ralli. Während meine große Schwester schon längst allein zur Schule ging, wurden Ralli und ich anfangs von meiner Mutter begleitet.

Der Schulweg entlang der Neuen Torstraße war sicher, denn die Straße war auf angenehme Art verkehrsberuhigt. Damals fuhren nur wenige Autos über das holprige Kopfsteinpflaster. Zudem war die Fahrbahn schmal, weil die Häuser schöne Vorgärten hatten.

Von unserer Wohnung in der ersten Etage des Feuerwehrhauses gingen meine Mutter und ich Richtung Marktplatz. Gleich links auf der anderen Straßenseite war die Bäckerei Null; dort gab es auch Lebensmittel. Gegenüber befand sich das Farben- und Tapetengeschäft Lambrecht und daneben die Tischlerei Lesemann.

Spätestens auf halber Strecke zur Schule übernahm ich den kleinen ledernen Schulranzen von meiner Mutter, denn gleich würden wir Ralli abholen, und der trug seinen Ranzen ja auch selbst. Schon ein paar Meter weiter mussten wir drei täglich einen kurzen Stopp am Schaufenster des kleinen Spielzeugladens Sander machen, um zu sehen, was es seit dem Vortag Neues gab. Anschließend gingen wir vorbei am Schuhhaus Meier mit Lurchi und Mecki im Schaufenster und am Bekleidungsgeschäft von Hugo Hoch. Ich weiß immer noch, wie es in beiden Läden aussah und roch. In den folgenden 60 Jahren sollte sich in Blomberg viel ändern, aber diese beiden Institutionen gibt es noch heute.

Dann passierten wir den Garten der Gärtnerei Töberich. Davor standen drei große Linden mit einer niedrigen Mauer drum herum, auf der wir Jungs natürlich unseren Schulweg zurücklegten. Schon bald kamen wir zum Laden von Bäcker Damann. Er war bekannt für seine Blechkuchen, die mit Buttercreme gefüllten Blätterteigstücke und die kleinen Berge mit Schokoüberzug – die „Zugspitzen“. Hier, gegenüber der Gartenstraße, drängten wir Jungs in den Laden, weil die Verkäuferinnen die schmalen Randstücke der Blechkuchen an Schulkinder verschenkten.

Nun begann der Endspurt. Vor der Metzgerei Schmidt ging es nach rechts durch die Friedrichstraße hinab zur Schule. Schlachter Schmidt hatte sein Schlachthaus hinter einem großen Metalltor direkt an der Gasse. Meist stand davor ein leerer Transportanhänger, mit dem bereits Tiere angeliefert worden waren. Wir sahen oft noch Blutspuren der Schlachtungen unter unseren Füßen, obwohl mit viel Wasser gereinigt worden war. Also lieber schnell weiter an der Flüggeschen Scheune vorbei und auf den Schulhof. Hier warteten mächtige Linden und die anderen Schulkinder auf uns.

Vor dem Unterricht wurde auf dem Schulhof Ball gespielt, oder wir rammten uns mit den Schulranzen vor der Brust, wenn wir „Panzer“ spielten. Eine Zeit ohne Handys, die uns von der Realität ablenken konnten. Beschwerden wegen Verletzungen beim wilden Spielen gab es ebenfalls nicht, denn die Eltern hatten Wichtigeres zu tun. Wenn die Schulglocke ertönte, stellten wir uns ordentlich und Händchen haltend in Zweierreihen auf. Sobald wir dann die Lehrer an den großen Holztüren passiert hatten, waren wir den kontrollierenden Blicken entkommen und rannten die ausgetretenen Steintreppen hinauf in die Klassenzimmer. Obwohl jeder seinen festen Platz hatte, liefen alle so schnell wie möglich. Es roch nach Bohnerwachs.

Anfangs gab es noch alte Schulbänke mit Bildern und Sprüchen ehemaliger Schüler. Später wurden dann moderne Tische und Stühle in dem angeschafft, was wir heute den Bauhausstil nennen. Die schweren grünen Tischplatten hatten glatte und harte Oberflächen. Es gab keine Möglichkeit mehr, etwas einzuritzen. Diese Zeiten waren leider vorbei. Wenn es Klassenarbeiten oder neues Arbeitsmaterial gab, wurde es im Sekretariat neben dem Lehrerzimmer frisch mit einer Kurbelmaschine kopiert. Wir Kinder liebten den typischen Spiritusgeruch dieser Blätter. Ein Duft, der mich noch heute an die Grundschulzeit erinnert.

Nach der Schule ging es hungrig, aber trotzdem langsam als Gruppe nach Hause. Ralli, Dieter, Thomas und ich erzählten uns Geschichten über Bonanza. Ralli war Pa, der große Dieter war Hoss, Thomas war Adam und ich war Little Joe. Oder wir stellten uns vor, wie wir als Detektive Kriminalfälle in Blomberg lösen würden. Unsere Firma würde „EADK“ heißen – der schon bald deutschlandweit bekannte „Erste Aufpasser- und Detektiv-Klub“. Damals war uns die englische Sprache noch nicht so geläufig.

Die lange Steghose und die Pepita-Jacke vom ersten Schultag hatten schon längst nichts mehr mit der Schule zu tun. Sie waren durch ein Flanellhemd und eine kurze Lederhose ersetzt worden. Die für einen normalen Schultag viel zu schicke, dunkelgrüne Kappe wartete ebenfalls im Schrank auf ihren nächsten Sonn- oder Feiertagsspaziergang mit mir und Papa.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Blomberg #2