Die Pepitajacke

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Die Pepitajacke

Die ungeliebte, dunkle Steghose, eine helle Pepitajacke mit Stehkragen und Verzierungen aus Kunstleder und dazu polierte Schuhe mit Kniestrümpfen. So sah meine perfekte Kleidung für den ersten Schultag in den 60er Jahren aus. Wegen der Hitze hatte ich meine geliebte dunkelgrüne Kappe ausnahmsweise meiner Mutter gegeben. Auf dem Foto stehe ich neben Ralli auf dem Schulhof. Obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten, würde er von diesem Tag an der beste Schulfreund meines Lebens sein. Wir stehen vor unseren Müttern und halten jeder eine Schultüte mit der einen Hand und ein süßes Hefehörnchen in der anderen. Ralli trägt sogar einen dunklen Anzug mit Einstecktuch. - Rallis und meine Eltern kannten sich damals schon seit Jahren, weil sie ehemals Nachbarn waren.

Wie es begann: Etwa 10 Jahre vor meiner Geburt war mein Vater, ein gelernter Tischler, gerade als Flüchtling aus der Kriegsgefangenschaft nach Blomberg gekommen. Schon bald arbeitete er in der Stuhlfabrik Ramm. Die war dort wo die Strasse vom Niedern Tor aus auf den Hellweg trifft. Im gleichen Gebäude, direkt über Ramm war damals eine Schuhfabrik. Dort arbeitete meine Mutter, um als ältestes Kind ihre Eltern und Geschwister zu unterstützen. Natürlich wurden in beiden Betrieben auch Pausen gemacht. Das waren Gelegenheiten bei denen sich die Belegschaften der Firmen kennenlernen konnten. So begegneten sich auch meine Eltern das erste Mal. Es folgten Spaziergänge am Weinberg und gemeinsame Abende an denen die zwei in der alten Turnhalle zum Tanz gingen. Schon bald wurde geheiratet und eine gemeinsame Wohnung wurde gesucht.

Es war 1951 und die junge Familie hatte bald nur noch das kleine Einkommen meines Vaters, den meine große Schwester war unterwegs. Also wohnten die drei in zwei Zimmern mit Etagentoilette und Waschgelegenheit an der Neuen Torstrasse. Rallis Familie bewohnte dort bereits die anderen Räume im Erdgeschoß. Aus Nachbarn wurden gute Bekannte, auch als meine Eltern nach ein paar Jahren ins Feuerwehrhaus umzogen.

1958 wurde ich im Feuerwehrhaus geboren und ging ab 1964 von dort aus zur Grundschule. An dem weniger als einen Kilometer langen Weg wohnte Ralli. Während meine große Schwester natürlich schon längst alleine zur Schule ging, wurden Ralli und ich anfangs von meiner Mutter begleitet.

Der Schulweg entlang der Neuen Torstrasse war sicher, denn die Strasse war auf eine schöne Art verkehrsberuhigt. Damals gab es fuhren nur wenige Autos auf dem holprigen Kopfsteinpflaster. Zudem war die Fahrbahn schmal, weil die Häuser schöne Vorgärten hatten. Von unserer Wohnung in der ersten Etage des Feuerwehrhauses gingen meine Mutter und ich Richtung Marktplatz. Gleich links auf der anderen Strassenseite war die Bäckerei Null, dort gab es auch Lebensmittel. Gegenüber war das Farben- und Tapetengeschäft Lambrecht und daneben die Tischlerei Lesemann. Spätestens auf halber Strecke zur Schule übernahm ich den kleinen ledernen Schulranzen von meiner Mutter, denn gleich holten wir Ralli ab und der trug seinen Ranzen ja auch selbst. Schon ein paar Meter weiter mussten wir drei täglich einen kurzen Stop am Schaufenster des kleinen Spielzeugladens Sander machen, um zu sehen was es Neues gab. Anschließend ging es vorbei am Schuhhaus Meier mit Lurchi und Mecki im Schaufenster und am Bekleidungsgeschäft von Hugo Hoch. Ich weiß immer noch wie es in beiden Läden aussah und roch. In den folgenden 60 Jahren sollte sich in Blomberg viel ändern, aber diese zwei Institutionen gibt es noch heute. Dann gingen wir vorbei am Garten der Gärtnerei Töberich. Davor standen 3 große Linden mit einer niedrigen Mauer drumherum, auf der wir Jungs natürlich unseren Schulweg hatten. Schon bald kamen wir zum Laden von Bäcker Damann. Er war bekannt für seine Kuchen vom Backblech, die mit Buttercreme gefüllten Blätterteigteile und die kleinen Berge mit Schokoüberzug, die "Zugspitzen". Hier, gegenüber der Gartenstrasse, drängten wir Jungs in den Laden, weil die Verkäuferinnen die schmalen Kanten der Blechkuchen an Schulkinder verschenkten.

Nun begann der Endspurt. Vor der Metzgerei Schmidt ging es nach rechts durch die Friedrichstrasse hinab zur Schule. Schlachter Schmidt hatte sein Schlachthaus hinter einem großen Metalltor direkt an der Gasse. Meist stand davor ein leerer Transportanhänger mit dem bereits Tiere angeliefert worden waren. Wir sahen oft noch Blutspuren der Schlachtungen unter unseren Füßen, obwohl mit viel Wasser gereinigt worden war. Also schnell weiter an der Flüggeschen Scheune vorbei und auf den Schulhof. Hier warteten mächtige Linden und die anderen Schulkinder auf uns.

Vor dem Unterricht wurde auf dem Schulhof Ball gespielt oder wir rammten uns mit dem Schulranzen vor der Brust wenn wir "Panzer" spielten. Eine Zeit ohne Handys, die uns von der Realität entfernen konnten. Beschwerden wegen möglicher Verletzungsgefahren beim wilden Spielen gab es ebenfalls nicht, denn die Eltern hatten wichtigeres zu tun. Wenn die Schulglocke ertönte, stellten wir uns ordentlich und Händchen haltend in Zweierreihen auf. Sobald wir die großen Holztüren passiert hatten, waren wir den kontrollierenden Blicke entkommen und rannten auf den ausgetretenen Steintreppen hinauf in die Klassenzimmer. Obwohl jeder seinen Platz hatte, machten alle so schnell es ging. Anfangs gab es noch alte Schulbänke mit Bildern uns Sprüchen ehemaliger Schüler. Später wurden dann moderne Tische und Stühle in dem was wir heute Bauhausstil nennen angeschafft. Die schweren grünen Tischplatten hatten glatte und harte Oberflächen. Es gab keine Möglichkeiten mehr etwas einzuritzen. Das hatte sich leider geändert. Wenn es Klassenarbeiten oder neue Arbeitsblätter gab, wurde diese im Sekretariat neben dem Lehrerzimmer frisch mit einer Kurbelmaschine kopiert. Wir Kinder liebten den typischen Spiritusgeruch dieser Blätter. Ein Duft der mir für immer in Erinnerung bleiben wird.

Nach der Schule ging es hungrig aber trotzdem langsam als Gruppe nach Hause. Ralli, Dieter, Thomas und ich erzählten uns Geschichten über Bonanza. Ralli war Pa, der große Dieter war Hoss, Thomas war Adam und ich war Little Joe. Oder wir stellten uns vor wie wir als Detektive Kriminalfälle in Blomberg lösen würden. Unsere Firma würde "EADK" heissen. Der schon bald deutschlandweit bekannte "Erste Aufpasser und Detektiv Klub". Damals war bei uns die englische Sprache noch nicht so üblich.

Die lange Hose und die Pepitajacke vom ersten Schultag hatten schon längst nichts mehr mit der Schule zu tun. Sie waren durch ein Flanellhemd und eine kurze Lederhose ersetzt worden. Die für einen normalen Schultag viel zu schicke, dunkelgrüne Kappe wartete ebenfalls im Schrank auf ihren nächsten Sonn- oder Feiertagsspaziergang mit mir und Papa.