Philosophenweg

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Philosophenweg
Der Philosophenweg, wie er schon damals aussah.

Hier gab es vor langer Zeit ein kleines Paradies für Dichter und Denker. Der Philosophenweg verläuft am nordwestlichen Rand der Blomberger Kernstadt. Er ist ein idyllischer Wanderweg entlang des Diestelbachs. Damals war er wohl ein Pfad, der die Menschen zu klugen Einsichten veranlasste.

Während unserer Grundschulzeit war der erste Abschnitt des Philosophenwegs für Ralli und mich unser Abenteuerspielplatz. Ralli wohnte dort, wo der Weg an der Neuen Torstraße beginnt. Vom Schuhhaus Meier ging man auf Schotter bis zu der Treppe, die hinab ins Diestelbachtal führte. An der Talseite gab es ein Geländer aus einer Reihe runder Holzbalken, die schon verwittert waren.

Die Treppe heute.

Die Ritzen in den Balken brachten uns auf die Idee, darin kleine Silvesterknaller explodieren zu lassen. Die winzigen Stäbchen hatten wir vom Jahreswechsel aufbewahrt. Es waren einmal Matten von „Ladykracher“-Böllern gewesen. Nachdem das reine Zuschauen zu langweilig geworden war, nahmen Ralli und ich mit klopfenden Herzen die Mini-Dynamitstangen zwischen unsere Fingerspitzen, während der jeweils andere sie anzündete.

Ob mit oder ohne Böller – der Weg brachte uns hinab ins Abenteuer. Jeder hatte ein Schnitzmesser am Gürtel und Vorfreude im Bauch. Unten angekommen, gingen wir auf Erde oder rotem Mergel stadtauswärts Richtung Norden. Schon nach wenigen Metern warteten das Mühlrad und das alte Waschhaus auf uns. Hier begrüßte uns der Diestelbach, der mit lautem Getöse am großen Holzrad vorbeistürzte.

Der Waschraum hatte sechs rechteckige Becken, die vom Bach gespeist wurden. Meine Mutter erzählte mir, dass sie zu Beginn der 50er-Jahre in dem damals schon 70 Jahre alten Waschhaus die Wäsche ihrer großen Familie gewaschen hatte.

Der alte Waschraum von 1881.

Ein paar Meter weiter kam rechts hinter dem Bach Quellwasser aus dem Hang. Auf den großen Steinen war es nass und rutschig. Da konnte schon mal etwas Haut auf der Strecke bleiben. Also nichts wie hin. Erst nachdem unsere Sandalen und Strümpfe klatschnass waren, gingen wir weiter.

Die Quelle im Hang.

Bald kamen wir zu einer kleinen Überquerung aus Holzbohlen. Dort brauchte jeder von uns einige Zeit, um das ideale „Schiff“ zu finden. In unserer Fantasie wurden kurze, dünne Äste zu Rennbooten. Jeder machte sich taktische Gedanken über das ideale Fahrzeug für die Wettfahrt. Ein paar Blätter am Ast konnten von Vorteil sein, weil das Wasser das Schiff so besser erfassen konnte. Andererseits blieben die Blätter oder ein zu langer Ast leicht an Steinen oder Wasserpflanzen hängen.

Der Startpunkt der Rennen.

Schließlich ging es los, und wir liefen auf dem Weg neben unseren Booten zurück Richtung Waschhaus, denn dort war das Ziel. Der Gewinner des Rennens war bereits nach Sekunden vergessen, weil unsere Fahrzeuge nun durch eine Betonrinne bis zum Mühlrad schwammen, wo sie auf Nimmerwiedersehen im donnernden Wasser hinabstürzten.

Nachdem einige Rennen absolviert waren, stillten wir unseren Durst an einer Quelle am Bach und gingen dann weiter bis zu den Fischteichen. Diese waren bestens gepflegt. Es gab sogar kleine Wasserfälle, um die Fische mit Sauerstoff zu versorgen. Die drei Teiche waren durch schmale Wege voneinander getrennt und auf zwei Seiten von hohen Hainbuchensträuchern umgeben. Hier konnte man bereits die Schreie aus dem nahen Freibad hören. Wir hatten nun unser Hauptquartier erreicht.

Die ehemaligen Fischteiche sind nun ein Biotop.

Eine Bank lud zum Verweilen im Schatten ein. Für uns begann direkt hinter der Rückenlehne der rutschige Aufstieg in die Sträucher. Oben war der Hang durch den Zaun eines Gartens begrenzt. Auf den hängenden Ästen der Bäume machten wir es uns gemütlich und schnitzten an Stöcken. Wir warteten auf Opfer.

Es dauerte nie lange, bis jemand vorbeikam. Mit Bedauern mussten wir oft zusehen, wie keine Rast gemacht wurde. Wir konnten diese Passanten also nur durch in die Fischteiche geworfene Steinchen irritieren. An manchen Tagen hatten wir aber Glück, denn jemand setzte sich auf die Bank. Opfer! Unsere Herzen schlugen schnell. Wir schlichen sehr langsam und vorsichtig am rutschigen Hang entlang, möglichst nah von hinten an die Bank heran. Nervenkitzel pur, denn Schlimmes konnte passieren, wenn wir entdeckt wurden. Vielleicht sogar Grausames!

Wenn man den Philosophenweg noch weiter entlangging, gab es rechts oben hinter den Büschen einen heruntergetretenen Zaun. Dort kam man direkt in die Gärten, die fast bis zur Neuen Torstraße reichten. Der Übergang war für uns der Eingang zum Imbiss. Auf der Speisekarte standen Johannis- und Stachelbeeren – und natürlich Erdbeeren!

Manchmal kamen am späten Nachmittag die Gartenbesitzer. Wir mussten also vorsichtig sein. Als wir einmal gerade über den Durchgang geklettert waren und nachsehen wollten, ob die Luft rein war, sahen wir jemanden direkt auf uns zukommen.

Wir rannten schnell zum Durchgang und sprangen über den halbhohen Zaun. Ralli war schon fast zurück auf dem Philosophenweg, als ich an einem Draht hängen blieb und mit dem Kopf voran in trockenes Gestrüpp fiel. Als ich die Augen wieder aufmachte, sah ich erschüttert einen fingerdicken, abgebrochenen Ast direkt vor meiner rechten Pupille.

Das hätte ins Auge gehen können.

Schreiberling: Manfred Kliem - Text: Blomberg #4